SCHÜLER(IN): Sie haben im zweiten Gedicht des Zyklus Diepersdorf aus dem Band "Rückenwind" mitten in einem Wort die Zeile gewechselt:

Hinter Jüterbog öffneten sich

Der erste, der zweite Himmel, ließen herab

Strömen, was sich gesammelt hat..."

SARAH KIRSCH: Das ist gemacht, damit es noch mehr strömt: "... ließen herab/Strömen." Wenn man eine neue Zeile anfängt, atmet man neu und dann regnet es noch mehr. Wenn ich das hinten auf die Zeile gebracht hätte "... ließen herabströmen/Was sich gesammelt hat", dann würde es nicht so doll regnen. Es ist so gedacht: "... ließen herab" neu atmen "Strömen" – und dann prasselt der Regen so richtig.

Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie sonst Ihre Zeilen aufgeteilt?

Das sind rhythmische Gesichtspunkte, die man sich beim Schreiben erwirbt und denkt, es ist richtig. Ich weiß nicht, ob es richtig ist. Es ist auch ein Zeitmaß, ein Tempo, das mit einem selbst verbunden ist. Es ist etwas Körperliches, wie schnell man atmet. Ich glaube, meine Sachen, wenn sie auch meistenteils ungereimt sind, sind sehr rhythmisch, Ich les’ das, so gut ich kann, versuche aber zeilenweis zu lesen. Die Zeilenbrechungen sind auch eine Anleitung für den, der es liest. Es soll immer ein bißchen atemlos sein, deshalb sind auch wenig Zeichen gesetzt.