Nun liegen die Amerikaner plötzlich ein völlig neues Carter-Gefühl. Die Meinungsforscher weisen es auf Punkt und Komma nach: In den letzten zwei Wochen hat jeder dritte Amerikaner seine Ansichten über den Präsidenten zum Besseren geändert. Seine Beliebtheitskurve schnellte aus der Talsohle weit über die 50-Prozent-Marke. Ein bekannter Umfragenexperte sagt sogar ein grundlegend verändertes Selbstverständnis Carters voraus: "Er wird sich wie ein Führer fühlen, wie ein Führer aussehen – und wie ein Führer handeln." Und das hätte alles der Gipfel von Camp David bewirkt.

Auch seine Gegner versuchen die Sternstunde des Präsidenten nicht zu verdunkeln. Er hat hoch gesetzt und viel gewonnen, das ist sicher Grund genug für einen Stimmungswandel. Die Klagen über den Amateur im Weißen Haus sind Lobpreisungen für den gewieften Profi gewichen. Die Medien malen an dem überraschenden Glorienschein kräftig mit. Statt der täglichen Pannenmeldung aus Washington verbreiten sie nun Erfolgsberichte, getreu dem Motto: Mittleres Maß verkauft sich schlecht.

Aber hat sich in den Catoctin-Bergen Marylands wirklich ein Wunder vollzogen, das aus dem mitunter allzu eifrigen und schwankenden Präsidenten einen politischen Supermann macht? In Camp David zeigte Carter Mut, Ausdauer und taktisches Geschick. Doch diese Tugenden summieren sich nicht automatisch zum wichtigsten Attribut eines erfolgreichen Präsidenten: der Fähigkeit zu überzeugen. Nach seinen Seelenmassagen für Sadat und Begin muß. Carter nun auch gegenüber einem anderen schwierigen Partner, dem Kongreß, eine glückliche Hand beweisen.

Die sperrigen Themen liegen auf dem Tisch. Das Energiegesetz hängt, reichlich zerfleddert, weiter in den Ausschüssen. Der Dollar bleibt schwindsüchtig und die Inflationswelle droht den wirtschaftlichen Aufschwung wegzuschwemmen. Das sind Prüfsteine genug für Carters neuen Ruhm. Seine Popularität steht noch nicht auf festem Sockel.

Gestern Versager, heute ein Held – so plötzlich kann sich das Urteil in unseren schnellebigen Zeiten wandeln. Doch vielleicht paßt Jimmy Carter in keine dieser Kategorien, sondern ähnelt am Ende den meisten seiner ehrenwerten Vorgänger: ein Präsident mit Durchschnittsnoten.

D. B.