Geschichtswissenschaft in der Bundesrepublik – ein Plädoyer, die historische Forschung auszubauen

Von Hans Mommsen

Die deutsche Geschichtswissenschaft kann auf eine stolze Vergangenheit zurückblicken. Die großen Historiker des 19. Jahrhunderts – Leopold von Ranke, Johann Gustav Droysen, Karl Lamprecht und Otto Hintze – stehen für eine breite historiographische Bewegung, die die moderne Geschichtswissenschaft maßgebend geprägt hat. Der Schülerkreis Friedrich Meineckes, bis zu seinem Tode 1954 der Nestor der deutschen Historiographie, hat dieses wissenschaftliche Erbe über die deutschen Grenzen hinausgetragen. Das große Interesse, das vor allem die angelsächsische Welt der deutschen Geschichte zuwendet, rührt von diesem Zusammenhang her, der durch die nach 1933 erzwungene Emigration deutscher Historiker in die USA verstärkt hervortrat. Bis in die 20er Jahre behauptete die deutsche Geschichtswissenschaft eine internationale Führungsrolle.

Trotz ihres noch ungebrochenen internatioalen Ansehens verstärkten sich in der deutschen Historiographie seit der Jahrhundertwende epigonale Züge, die im Zusammenhang mit der Ranke-Renaissance und der dogmatisierten Lehre vom Primat der äußeren Politik standen. Indem sich die Geschichtsschreibung – von wenigen Ausnahmen abgesehen – in den Dienst der weltpolitischen Ambitionen des wilhelminischen Kaiserreichs und der in ihm tonangebenden sozialkonservativen Machteliten stellte, indem sie sich einer verengten nationalstaatlichen Betrachtungsjahre gegenüber dem westlichen Parlamentarismus die Notwendigkeit eines eigenen "deutschen Wegs" in verfassungspolitischer wie geistiger Beziehung postulierte, löste sie sich aus dem früheren internationalen Forschungszusammenhang: Ebensowenig wie sie es vermocht hatte, die Geschichte des Kaiserreichs und des Ersten Weltkrieges kritisch zu verarbeiten, entzog sie sich dem nationalistisch-revisionistischen Klima jener Jahre; widerstandslos ließ sie sich von dem nationalsozialistischen Regime gleichschalten.

Statt die Anregungen der westlichen Sozialwissenschaften und der zeitgenössischen deutschen Soziologie aufzunehmen, kapselte sich die deutsche Geschichtswissenschaft in den 20er Jahren in einer vorwiegend ideengeschichtlichen Ausrichtung ab und nützte ihr angestammtes Monopol auf politische Beratung, um die Entfaltung der Politischen Wissenschaft und der Sozialwissenschaften zu verzögern. Die Vorherrschaft konservativ-deutschnationaler Auffassung verstärkte sich noch während der Zeit des Nationalsozialismus, nachdem bereits in den Weimarer Jahren die wenigen Linksliberalen im Fach isoliert geblieben und sozialistische Historiker chancenlos gewesen waren.

Erst seit den 50er Jahren fand die westdeutsche Geschichtswissenschaft wieder zunehmend den Anschluß an die internationale Forschung. Die Intensivierung sozialgeschichtlicher Untersuchungsrichtungen leiten einen raschen Innovationsprozeß innerhalb der Fachwissenschaft ein, der mit der Deutung der Geschichte als historischer Sozialwissenschaft über die idealistische Position des deutschen Historismus klar hinausführte und eine enge Kooperation mit der angelsächsischen und französischen sozialgeschichtlichen Forschung ermöglichte.

Politische Positionskämpfe