Von Rolf Michaelis

Glücksgefühl, das sich – von der ersten bis zur letzten Zeile – auf den Leser überträgt: mit diesem Erzählbuch ist Helmut Heißenbüttel bei sich angekommen. So gelassen, so schön, dabei hintersinnig Und ironisch gebrochen, hat der 1921 in Rüstringen bei Wilhelmshaven geborene Dichter, Hörspielautor, Essayist und Theoretiker einer neuen, Sprache selber zum Gegenstand machenden Literatur (jedenfalls für mich) noch in keinem seiner mehr als zwanzig Bücher geschrieben, die er seit dem ersten Lyrikband, „Kombinationen“ (1954), herausgebracht hat, wie in dieser kauzigen Sammlung phantastischer Texte aus dem Alltag des bundesdeutschen Neu-Biedermeier nach 1968 –

Helmut Heißenbüttel: „Eichendorffs Untergang und andere Märchen – Projekt 3/1“; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 1978; 188 S., 25,– DM.

Da kommt einer von weit her. Alle Erfahrungen früherer Bücher sind in dieses heitere Buch eingebracht. Für viele Leser (und Kritiker!) wird dieser zum Nach-Lesen und -Denken lockende Band das „verständlichste“ Buch eines als schwierig geltenden Wortführers „konkreter“ Poesie sein.

Dabei bleibt Heißenbüttel, der seit fast zwanzig Jahren als Redakteur des „Radio-Essays“ beim Süddeutschen Rundfunk arbeitet, sich auch bei diesem Versuch mit kurzer, erzählender Prosa treu; dies nicht nur, weil es auch schon im „Textbuch 5“ (1965) ein „Märchen (vom Bürosammler)“ gibt oder die dort noch in der Form verhäkelter Sprachspielerei vorgetragene Litanei vom „Mann, der lesbisch wurde“ („angenommen ich wäre der Mann, der ich gern als die Frau wäre die ich als der Mann wäre der ich gern als die Frau wäre die ich gern als der Mann wäre...“), hier als (halbwegs) realistische Erzählung einer „Eppendorfer Nacht: Ich wäre gern eine Frau“ vorgetragen wird. Die angestrebte Befragung der eigenen (ans Geschlecht fixierten) Person treibt Heißenbüttel jetzt bis zur Identitätskrise, wenn der letzte Absatz einer scheinbar alltäglichen Geschichte den Leser mit solchen Sätzen aus aller Sicherheit kippt: „Ich wäre gern eine Frau. Ich bin eine Frau. Aber wäre ich, wenn ich die Frau wäre, die ich gern wäre, nicht gern ein Mann...?“ Die Fragezeichen, die sich dem Leser in den Kopf bohren und, ihn (spätestens jetzt) an der Liebesnacht eine Literaten mit der zwar voluminösen, durch ihren Phantasie-Namen aber schon wieder ätherischen Rundfunk-Dame Euphemia Rautenstrauch in Hamburg-Eppendorf irre werden lassen, vermehren sich, wenn man im Titel „Eppendorfer Nacht“ auch die (mögliche) Anspielung des Fichte-Kenners Heißenbüttel auf Hubert Fichtes Interview mit dem (homoerotischen) „Ledermann“ Hans Eppendorfer (1977) hört.

Da haben wir schon alles, was diese faszinierend befremdliche „Märchen“-Sammlung bestimmt. Da gibt es den überraschenden Salto aus banaler Situation in verstörenden Irrsinn. Unsicherheit befällt den Leser, der zum literarischen Detektiv, also: zum aufmerksamen Leser wird, weil immer weniger klar bleibt, wann Heißenbüttel spricht, wann er sich, zwinkernd, zum Lautsprecher anderer Autoren macht. Vater Freud wird, wie es sich für ein „Märchen“-Buch gehört, schon in der Titelgeschichte angerufen; nachdem sich der Erzähler mit seinen Helden im Haar-Wald einer schönen Witwe, in der Ohr-Muschel einer Frau verirrt hat, heißt es schlicht: „Sexualsymbole. Er hat Groddeck gelesen“, Freuds genialischen Schüler, von dem man so viel über Köper(-Ausdruck) lernen kann.

Denn auch davon handeln diese „Märchen“: von dem, was zwischen Mann und Frau passiert – und wie verwirrend Liebe/Sexus sein kann, wenn man sich hinzugeben wagt. Liebesgeflüster (ich möchte du sein) wird da ernst genommen – und schon ist nicht mehr klar, wer Mann, wer Frau ist. Oder wir lesen über die uns aus Heißenbüttels erstem Roman „D’Alemberts Ende – Projekt Nr. 1“ (1970) vertraute Kulturjournalistin vom Hamburger Fernsehen mit dem schwäbischen Dichterinnen-Namen Ottilie Wildermuth, sie sei dem plötzlich als Abend-Gast erscheinenden Sigmund Freud „in einer Weise Mutter, in einer anderen aber Enkelin“. In der an Grillparzers Dramen-Titel erinnernden Fabel von „Franz-Ottokar Mürbekapsels Glück und ein Ende“, erklärt sich einer gar als „Vater und Sohn zugleich“.