Von Michael Jungblut

Es ist schon eine seltsame Anzeige, für die der Computerriese IBM sein Geld ausgibt – viel Geld, denn es handelt sich um vier volle Illustriertenseiten. Da verkündet der führende Hersteller auf der ersten Doppelseite zunächst, daß viele Menschen der Ansicht sind: "Computer machen Arbeitsplätze unmenschlicher." Die Gründe für diese Ansicht werden dann auch gleich aufgezählt: Viele Arbeitnehmer haben das Gefühl, von den seelenlosen Blechkästen beherrscht zu werden; sie verstehen ihre Funktionsweise nicht; sie können ihre berufliche Aufgabe nicht mehr selbständig von Anfang bis Ende erfüllen. Deshalb haben sie dann auch keinen Spaß mehr an der Arbeit.

Auf der nächsten Doppelseite heißt es dagegen "Computer machen Arbeitsplätze menschlicher". Viele Berufstätige, die dieser Ansicht sind, haben offenbar auch dafür gute Argumente. Sie weisen darauf hin, daß die Datenverarbeitung sie von stumpfsinniger Routine befreit habe; sie sagen, daß sie endlich alle Informationen bekommen, die sie zur Erfüllung ihrer Aufgabe benötigen; sie meinen, die größere Selbständigkeit gebe ihnen mehr Selbstbewußtsein. Daher mache die Arbeit jetzt auch mehr Spaß.

Nach dem Motto, "der Kavalier zahlt und schweigt", enthält sich IBM dazu jeder Meinungsäußerung. Das Management des multinationalen Computerkonzerns weiß sehr wohl, daß beide Ansichten über den Einfluß der Datenverarbeitung auf die Arbeitswelt gleichermaßen zutreffen – je nachdem, wie die ungeheuren Möglichkeiten der technischen Gehirne im betrieblichen Alltag genutzt werden. Den Computerherstellern ist in den vergangen Jahren immer deutlicher geworden, daß die von IBM und seinen Konkurrenten produzierte Elektronik nur dann ihre volle Leistungsfähigkeit entfalten kann, wenn die Menschen, die damit arbeiten, den Computer nicht als Feind betrachten, der ihre Arbeitsplätze bedroht, ihre berufliche Qualifikation entwertet und ihren Status innerhalb der Firmenhierarchie gefährdet.

Ob der erste oder zweite Anzeigentext die Situation in einem Unternehmen zutreffend widerspiegelt, hängt nicht vom Computer, sondern von seinen Benutzern ab. Es hängt davon ab, ob der Einzug der Elektronik ins Büro richtig vorbereitet wurde, ob die Mitarbeiter rechtzeitig informiert und konsultiert wurden, ob der Computer sie degradiert oder ob ihre Arbeit im Rahmen einer neuen Organisation aufgewertet, inhaltsreicher und interessanter wurde.

Bei der Wiener "Generali Lebensversicherungs AG" hatte der wachsende Geschäftsumfang und die Rationalisierung seit Ende der fünfziger Jahre zunächst dazu geführt, daß die einzelnen Landesdirektionen ihre Selbständigkeit weitgehend verloren und zu reinen Verkaufsstellen wurden, da immer mehr Kompetenzen in die Wiener Zentrale verlegt und in uninteressante Routinearbeiten zerlegt wurden. "Es wurden Fließbandorganisationen aufgebaut, die sich für die Mitarbeiter auf die Dauer demotivierend auswirkten und überdies ihren Wissensstand reduzierten", erinnert sich Vorstandsdirektor Walter Petrak. Erst die Einführung der Datenverarbeitung habe es erlaubt, diesen Prozeß umzukehren. Da sie jetzt an die zentrale Datenverarbeitung angeschlossen sind, können die Angestellten in den Landesdirektionen heute auch komplexe Aufgaben selbständig erfüllen und sind nach Petraks Beobachtung "dadurch wieder hervorragend motiviert". Die Mitarbeiter in der Zentrale werden durch den Computer dagegen von der Routine entlastet. Sie können sich auf komplizierte Fälle, auf Planungs- und Überwachungsfunktionen konzentrieren – ein Umstellungsprozeß, der jedoch viel Zeit in Anspruch nehmen wird, weil es nach Petraks Ansicht "nach jahrelanger streng an Ablaufregeln gebundener Arbeit nicht einfach ist, den Weg zu kreativen Funktionen zu finden".

IBM bietet daher seinen Kunden nicht nur Beratung in technischer Hinsicht, sondern gibt auch Hilfestellung bei der Lösung organisatorischer und soziologischer Probleme. Es kommt nicht nur darauf an, daß Hard- und Software, der Computer und die erforderlichen Programme, funktionieren. Auch der Mensch muß mitspielen, sonst ist die ganze Anlage nichts wert", erklärt beispielsweise Klaus-Dieter Lembke, der für Führungskräfte und Mitarbeiter aus dem Bereich Versicherungen und Kreditwesen Seminare veranstaltet, in deren Rahmen vor allem die psychologischen und soziologischen Aspekte der Datenverarbeitung erörtert werden.