Von Rolf Zundel

Leute, was ladet ihr mir da auf!" gab der Ministerpräsident zu bedenken, als ihm seine Berater die Parole präsentierten, mit der die Sozialdemokraten jetzt um Stimmen werben: "Es gibt in Hessen wieder einen guten Grund, SPD zu wählen: Holger Börner." So gründlich wurde die eigene Vergangenheit noch selten zur verbrannten Erde gemacht, mit so viel schamloser Ehrlichkeit hat noch kaum eine Partei ihre Unfähigkeit bekannt, aus eigener Kraft die Wahlen zu gewinnen, und so sehr – und bis zur Entpolitisierung – sind wenige Wahlen bisher zum Personalplebiszit erklärt worden.

Die Parole paßt harrscharf auf die Gemütslage jener Wähler, die Börner halten oder zurückgewinnen muß, das hat er auch eingesehen. Aber als überlebensgroße politische Figur sich darzustellen, die das Schicksal der hessischen und der Bonner Koalition in Händen hält, das liegt seinen Neigungen von Haus aus fern. Wiewohl von mächtiger Statur, wie geschaffen, Lasten auf seinen Buckel zu nehmen, ist er kein Herkules, der es nur mit Kraft macht, bestimmt keiner, der über Leichen geht.

Die Zwei-Zentner-zwanzig-Silhouette des füllig gewordenen Betonfacharbeiters führt da in die Irre. Eingebettet in die Massen wird bei genauerem Hinsehen ein fast zierliches Gesicht erkennbar, mit einer kleinen, feinen Nase, schmalem Mund und ziemlich wachen Augen unter den schweren Lidern. Auch die Stimme ist nicht ein röhrender Baß-Bariton, sondern eher hell und leise. Einer der vielen Beobachter, die ihn jetzt beäugt haben, meinte sogar: "Möglicherweise hat er eine schlanke Seele."

So würde es Börner gewiß nie ausdrücken. Seine politische Sensibilität ist mit sehr viel gesundem Menschenverstand und ein wenig Gipfelangst getränkt. Als der Bundeskanzler sich einmal über den Oppositionsführer Kohl mokierte, warnte ihn Börner: "Der sieht so aus wie einer, der in Mathematik drei minus hatte." Pause. "Und das hatten die meisten."

Politischer Visionär wie Strauß, Feldherr wie Dregger – das wird Börner wohl nie werden; demLandesvater jedoch ist er schon ziemlich nahegekommen. Er ist zwar kein Repräsentationskünstler, der überall Glanz verbreitet, aber Respekt und Vertrauen sind ihm weithin sicher, und die polternde Herzlichkeit des Regionalfürsten beherrscht er schon gut: "Eins aber sage ich euch ..."

Wohltemperiert – so läßt sich die Stimmung in Börners Versammlungen am besten beschreiben, die gut, aber nicht überwältigend besucht sind, und deren Besucher nicht hingerissen sind, aber sehr zufrieden nach Hause gehen. Er zieht nicht gegen Dregger vom Leder, weil dies nicht in seine überparteilich, harmonisch getönte Landesvaterrolle paßt. Aber auch Dregger spart Börner ziemlich aus, wenn auch aus einem anderen Grund: Börner bietet – und da liegt der große Unterschied zum Vorgänger – dem Gegner kaum Angriffsflächen. Der freundliche Herr Börner sollte sich mal mehr um die Marxisten kümmern, die sich hinter seinem Rücken tummeln – das ist schon einer der härtesten Vorwürfe. Gemessen an früher ist der hessische Wahlkampf fast eine Idylle.