London, im Oktober

Seit es sie gibt, träumen britische Premierminister davon, ihre Partei zur natürlichen Regierungskraft im Lande erheben zu können, eine Machtdauer zu erreichen, die nur durch große Widrigkeiten und auch dann höchstens kurzfristig unterbrochen wird. Doch geht es ihnen wie dem hochgeworfenen Stein: Keiner bleibt auf immer oben.

James Callaghan, der noch vor wenigen Monaten, als Aufwind unter der britischen Wirtschaft spürbar wurde, das Ende der Labour-Regierung weit in die achtziger Jahre verbannen zu können glaubte, stößt nun auf ein Hindernis nach dem anderen. Ohne Parlamentsmehrheit in ein neues Legislaturjahr zu gehen, ist heikel. Sich einen langen Winter hindurch gegen Lohnstreiks behaupten zu wollen, scheint aussichtslos. Ein Nein zum europäischen Währungssystem würfe London ins Abseits.

Nun hat zu allem Überfluß der Jahreskongreß der eigenen Partei all denen, die mehr als fünf Prozent Lohnzulage verlangen, den Segen der Bewegung erteilt. Ohne ihren Haupterfolg, die beachtliche Reduzierung der Inflationsrate, ist jedoch nächstes Jahr keine neue Regierung Callaghan denkbar. Der so düpierte Premier will das alles durchstehen, ohne Anhang und Rückhalt.

Oder täuscht das? Welcher Engländer will denn schon eigentlich wieder eine Teuerung, die mit 25 Prozent pro Jahr davongaloppiert? Niemand, theoretisch auch keiner der Gewerkschaftsführer, die in Blackpool der Labour-Partei gezeigt haben, wer die Musik im Saal bezahlt. Aber viele ihrer Mitglieder möchten eben ihr tägliches Pensum an Illusionen.

Dies sind die Gegengewichte, die eine uralte Tradition ebenso in die Verfassung des Landes eingebaut hat wie jene Spielregeln, die den begünstigen, der die Höhen der Macht erklimmt. Da oben wehen mächtige Winde. Callaghan bekommt das jetzt zu spüren. K.-H. W.