Vor genau zwei Jahren, am 1. Oktober 1976, druckten wir einen Artikel von Rolf Mainz ab, in dem der ehemalige Verlagslektor aus Leipzig schilderte, wie es einem DDR-Bürger ergehen kann, der einen Ausreiseantrag in die Bundesrepublik stellt. Der Artikel hieß: "Berufsverbot in der DDR. Genossen, kommt doch zu uns."

Vier Tage nach Erscheinen des Artikels und nachdem ihn die Genossen im Ostberliner Staatssicherheitsdienst gelesen hatten, griffen Honeckers Häscher zu. Sie verhafteten Rolf Mainz und in einem Aufwasch in Schwerin auch gleich seinen Bruder, den Zahnarzt Dr. Klaus Mainz. Klaus Mainz hatte ebenfalls einen Ausreiseantrag gestellt und dieses Begehren dem ZDF mitgeteilt. In Löwenthals Magazinsendung wurde daraufhin darüber berichtet.

Beide Brüder wurden monatelang verhört und schließlich in voneinander unabhängigen Verfahren in Leipzig und Schwerin vor Gericht gestellt und zu hohen Haftstrafen verurteilt. Rolf bekam viereinhalb Jahre, Klaus vier Jahre. Ihr Verbrechen: Staatsfeindliche Hetze gegen die DDR.

In einem zweiten Verfahren wurde Rolf Mainz abermals verurteilt. Diesmal wurde ihm sein Verhalten im Zuchthaus Brandenburg zur Last gelegt. Angeblich soll er andere Häftlinge beraten haben, wie man eine illegale Zeitung herstellt. Die Höhe der neuen Haftstrafe: fünf Jahre.

Ehemalige Gefangene aus Brandenburg berichteten jetzt über den besorgniserregenden Gesundheitszustand von Rolf Mainz. Ein Arzt, der ihn im Haftkrankenhaus von Brandenburg behandelt hat: "Rolf hat ein groschengroßes Ulcus duodeni (Zwölffingerdarmgeschwür)." Er weigert sich aus verständlichen Gründen, operieren zu lassen, erklären andere Mitgefangene. Dehn daß mißliebige Gefangene, und Rolf Mainz gehört zu ihnen, ganz plötzlich "sterben", ist nicht auszuschließen. Die Zustände in der Brandenburger Strafanstalt schreien gen Himmel. Jährlich werden dort Gefangene von Lebenslänglichen totgeschlagen. Täglich befinden sich Gefangene im Hungerstreik, um gegen die unmenschlichen Haftbedingungen zu protestieren. Hungerstreiks werden in Brandenburg regelmäßig nach dem achten Tag brutal unterbrochen. Das Rezept: Dem gefesselten Gefangenen wird subcutan, also unter die Haut, hypertone Kochsalzlösung infundiert. Dadurch wird ein so extremes Durstgefühl provoziert, das der Gefangene nur beenden kann, wenn er die vor ihm aufgestellte Suppe auslöffelt.

Rolf Mainz schwebt in akuter Lebensgefahr. Als Diät wird ihm eine salzlose Wassersuppe verordnet. Bislang her er 20 Kilo abgenommen. Die DDR macht sich eines nicht wiedergutzumachenden Verbrechens schuldig, wenn sie Rolf Mainz nicht unverzüglich in die Bundesrepublik "abschiebt".

Sein Bruder Klaus ist seit Mai wieder auf freiem Fuß. Er wurde "freigekauft". Vor vier Wochen durften auch seine Frau und die beiden Kinder ausreisen. Klaus Mainz, Jahrgang 1940, ein sportlicher Typ, er hielt 1958 den gesamtdeutschen Jugendrekord im Hochsprung mit 1,93 Meter, hat die Haft in Cottbus ohne Schaden überstanden, obwohl er die letzten neun Monate in strenger Einzelhaft absaß und unter akutem Eiweißmangel litt. Seine Tagesration: acht Scheiben Brot, zehn Gramm Butter, 20 Gramm Margarine, eine Schüssel Suppe, kein Obst, kein Gemüse.