Von Helmut Schödel

Ganz und gar mit Schmuck behängt, fast wie mit Schmuck. gepanzert, steht eine Frau auf den Brettern einer Probebühne: fremd hier, wehrlos, aber stolz wie eine Königin. Über dem schwarzen Samtvorhang hinter ihr leuchtet rötlich ein schmaler Streifen Himmel. Darunter steht, regungslos, die Frau und wird von einer Schar von Dienern, die einer Schar von Sklaven im alten Athen gleicht, entkleidet. Von irgendwoher kommt Musik,-die warnt, hier sei Magie am Werk.

Auf einmal fällt ein roter Sack vom Himmel, plumpst auf den Boden und bleibt liegen. Nach einer Weile bewegt sich der Sack: es kriecht ein kleiner, dicker, kugelrunder Gnom aus ihm heraus und verschwindet gleich wieder im Boden. Seine Stimme kommt wie von ganz weit unten. Als er wieder auftaucht, klebt an seinem nackten, weißen Oberkörper mit den Fettwülsten weinrotes Konfetti. Die Hölle scheint Karneval zu feiern.

Kein Mensch weit und breit. Nur der Freak sitzt da, und neben ihm ein Wesen mit einem halb durchsichtigen, graublauen Sackkleid, die Haare unter einer Plastikhaube eng an den Kopf gedrückt. Auch dieses graublaue Monster verschwindet für eine Weile in dem Loch, das kurz zuvor den Freak verschluckte, und kommt schwarz beschmiert, schmutzig, klebrig wieder nach oben zurück. Der Dicke streut gerade Federn aus, da bläst ein Windstoß eine Wolke glitzerndes Konfetti über das Holzpodest der Probebühne. Da weht es von links und rechts lange, blutrote Tücher herein. Und aus den Tüchern wickeln sich zwei Lebewesen: ein Mann und eine Frau. Hier spukts!

In einer Horrorfilm-Parodie, die ich neulich im Kino gesehen habe, kamen ein Mann und eine Frau in einer regnerischen Herbstnacht in einem Krimi-England zu einem finsteren Schloß. Im Schloß war Musik zu hören und Stimmen dazwischen. Auf die Frage, was los sei, antwortete ein buckliger Diener am Schloßtor: "A rather special night, one of the master’s affairs." In so eine eher seltsame Nacht war ich auch hier geraten. Draußen ließ ich einen ungemütlichen, regnerischen Herbstabend hinter mir. Drinnen, im Theater, wölbte sich bis über meinen Parkettsessel in der zwölften Reihe ein freundlicher, weißer Tuchhimmel; kam Musik aus den weiß ausstaffierten Proszeniumslogen; wurden Schauspieler, in rote Tücher gewickelt, zu ihrem Auftritt geblasen; kündigte ihr Kommen eine Konfetti-Wolke an; fiel ein fetter Freak aus Lilliput aus dem verzauberten Theaterhimmel eines mittsommernächtlichen Shakespeare-Traums, den der Regisseur Dieter Dorn und der Bühnenbildner Jürgen Rose im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele träumten.

Der Traumzauber verschwand, alle Schleier, die schön und geheimnisvoll vor der Geschichte hingen, fuhren hoch, das bunte Licht ging aus, als auf die nun leere Bühne Quince, Snug, Bottom, Flute, Snout und Starveling kamen. Zu ihren englischen Namen trugen sie bayerische Gewänder: Lederhosen, Kniestrümpfe, Seppelhut. Sechs Handwerker – Engländer von Geburt, Bayern aus Spaß, Athener laut Text – probten ein Stück über das babylonische Liebespaar Pyramus und Thisbe. Wie einen bayerischen Schwank, der das Hochzeitsfest ihres Fürsten verkürzen sollte. Als dann beschlossen war, in diese Tragödie habe unbedingt der Mond zu scheinen (und als gewiß war, daß am Abend der Aufführung der Mond auch wirklich scheinen würde), zeigte der als Zettel bekannte Athener Bottom (Lambert Hamel), mit beiden Händen die Bahn markierend, wie der Schein des Mondes scheinen müsse zur Premiere: durch das Fenster in die Ecke, und von hier nach dort und dann links – und von dort aus könne er genau die Darsteller treffen. Mitten in dieser Theaterprobe waren Ansätze zu einem Theateressay zu sehen über Shakespeares Zettel und Karl Valentin.

Zwischen den Szenen dieser Tragödie erschien ein Mädchen, das wahrhaft mitleidlos von ihrem Unglück redete. Es war wohl das Schlimmste für sie, von Demetrius nicht geliebt zu werden. Weinend kaute sie am Zipfel eines Bettuchs; brüllte vor Liebesschmerz wie ein kleines Kind nach Prügeln; legte, als äußersten Versuch, zu überzeugen, kurz entschlossen ihre Kleider ab; würgte den Satz heraus: "Mancher ist eben glücklicher als mancher andere." Für das maßlose Leid ihrer Liebestragödie und das Unglück ihrer Häßlichkeit versuchte sie, das ganze Publikum zum Mitleid und Einverständnis mit ihr zu bewegen. Indem sie so tat, als spiele sie vor Zuschauern, die sie als Hauptdarstellerin ihrer Tragödie bereits akzeptiert hätten (obwohl sie nur eine Rolle unter anderen in einer Komödie spielte) ließ Franziska Walser die Komödie nur noch um vieles komischer werden.