Von Manfred Sack

Die Herzen fliegen ihr zu – aber sie hält sie auf Distanz. Sie schlängelt lasziv ihren Unterleib – aber es macht ihre Erotik nicht lebendig. Sie treibt ihre Stimme ins Fortissimo und möglichst noch ein Stückchen weiter – aber die so erhitzte Musik ist schon kühl, ehe sie das Gemüt erreicht. Milva, daran ist gewiß kein Zweifel, gibt alles, was sie hat, und das ist eine ganze Menge – aber sie bleibt fremd und fern, eine Kunstfigur, die sich als einzige menschliche Regung erlaubt, sich den Schweiß von der Stirn zu wischen oder Zeichen von Erschöpfung zu geben.

Ihr Publikum hat das selbstverständlich ignoriert, als sie in der vergangenen Woche in Hamburg ihre kleine Tournee durch die Bundesrepublik begann: Was es von der Sängerin nicht bekam, ergänzte es mit Erinnerung. Es feierte sie erst mit artiger Zurückhaltung, dann sehr übermütig.

Die Italienerin, deren Weg vom Schlager nach oben mit Namen wie Strehler und Brecht verbunden ist, war pompös genug angekündigt worden; "Mein Leben – meine Lieder". Wenn das wahr ist, muß es ein Leben fast ohne Fröhlichkeit sein: kein übermütiges Lachen, kein unbemerkter Irrtum, keine von den kleinen "menschlichen" Äußerungen, die der Disziplin und dem strengen Training entwischten und spontan ein Gefühl ausdrückten. Milva hat ihr Lieder-Leben gut auswendig gelernt und sagt es ohne Schnitzer auf. Sie illustriert es, genau abgezirkelt, mit ein paar schauspielerischen Kürzeln: Sie reißt die Augen auf, sie legt den Kopf in den Nacken, sie schiebt die Hand auf den Oberschenkel, sie weist mit dem Arm auf den Horizont, die Sterne, den Himmel, etwas Unendliches, sie nimmt, Höhepunkt des Liedes von "The Man I Love", langsam eine langstielige Rose aus der Vase vom Flügel und zerbricht sie. Nein, keine ironische Symbolik, sondern Kitsch.

Das Programm, in einem Heft so plump wie hochmütig mit einer Liste des ganzen Repertoires von etwa hundertsiebzig Titeln umschrieben, enthielt wenige Lieder von Brecht und Weill, einige von Theodorakis, viele Schlager aus den zwanziger, mehr den dreißiger Jahren, Tangos und Chansons, eine angenehme Mischung mit vielem, das ihrem Temperament steht. Wer auf sie als Brecht-Interpretin schwört, könnte daran zu zweifeln beginnen: Am besten singt sie die Lieder, denen das stete Pathos ihrer Vorführung und das forciert Dramatische nicht anhaben, je vulgärer, desto echter, je lauter, desto packender und natürlicher. "Mylord" ist nicht zufällig eine ihrer erfolgreichsten Nummern geblieben; "Johnny, wenn du Geburtstag hast" wird durch die dekadenten Übertreibungen zum faszinierenden Salonstück; "Komm zurück" auf eine schon komische Weise zur Existenzfrage aufgeputzt.

Man könnte sagen, sie sei zu gut: Sie ist zu beflissen gut. Unter ihrem Ehrgeiz wird alles zu hochdramatischen Affären und treibt alsbald irgendeiner, sich im Fortissimo entladen den Katastrophe zu. Jeder Ton, jede musikalische Phrase wirkt entstaubt, geglättet, sauber abgepackt, verziert mit den Schnörkeln einer ausgesucht scharfen Artikulation. Milva rollt das R, wann immer sie eins findet; sie dehnt die Vokale und hält sie fest, so lange es geht, oft um den Preis eines verschleppten Rhythmus’; sie gibt den Konsonanten so viel Stimme wie wenige Diseusen sonst. Sie liebt das Sforzato, das Betonen einzelner Töne, und auch das dräuende Crescendo. Gleichwohl bleibt sie mit sich allein: eine Persönlichkeit mit großen Fähigkeiten, die das Unpersönliche kultiviert, auf Distanz besteht, statuarisch, kontrolliert, eine als Frau verkleidete Nixe. Man glaubt ihr kein Wort.

Die Verkleidungen jedenfalls, die sie sich hat nähen, besticken, oder plissieren lassen, sind sicherlich von einem Künstler der Haute Couture entworfen, sehr kleidsame, diszipliniert funkelnde, wunderschöne fließende Gewänder. Und die ellenlange rotgelockte Mähne tut ihre Wirkung als theatralische Störung, wenn sie ins Gesicht fällt, und als Kostüm, wenn sie dem Publikum demonstrativ von hinten präsentiert wird, feierliches Staunen für die Schlußakkorde herausfordert.