Die Nachricht, daß im Rhein Fische gesehen wurden, hat heftige Gemütsbewegungen in mir hervorgerufen. Daß diese Fische nicht nur gesichtet, sondern auch gefangen wurden, ist allerdings nicht bestätigt worden. Es wäre traurig für die Fische, vielversprechend aber für die rheinischen Menschen. Denn erst in der Pfanne und auf dem Tisch erweist sich, ob die neuen Rhein-Fische auch genießbar sind.

Wichtig sind die Stellen, an denen die Fische gesehen wurden. Einmal war es unweit von Leverkusen, dort, wo die Wupper sich in den Rhein ergoß: ehedem und einstmalen. Denn heute gleitet sie, fein kanalisiert, sozusagen auf Zehenspitzen hinein. Die andere Gelegenheit kommt mir noch bedeutsamer vor. Es ist dort, wo der Rhein im pathetischen Bogen dem heiligen Köln entgegenströmt. Dort konnten die Fische den Dom sehen.

Dieser Gedanke muß noch ein wenig vertieft werden.

Wenn mein Vater auf der Hohenzollernbrücke im Eisenbahnabteil den Rhein überquerte, so nahm er immer den Hut ab. Ich selber, der ich keinen Hut besitze, mache eine Verbeugung, sei es im Auto, im Eisenbahnzug oder im Flugzeug; eine Ehrung, die bei den Mitreisenden manchmal stille Verwunderung oder leises Kichern herruft. Es handelt sich hier eben um Menschen, die keine Ahnung davon haben, oder im Moment nicht daran denken, was der Rhein für Deutsch- und für das Abendland bedeutet. Seit Römerzeiten ist er der Vater unserer Kultur.

Eines aber wissen wir alle: Es hat unserem abendländischen Strom nichts genützt, daß Männer, wie Arndt ("sie sollen ihn nicht haben"), Wagner ("Rheingold"), Schumann ("Rheinische Symphonie"), Heine ("ich weiß nicht, was soll es bedeuten") ihn besungen und gefeiert haben. Dies hat die moderne Kundschaft des völkerverbindenden Stroms nicht gehindert, ihn nach allen Leibes- und Maschinenkräften zu benutzen und zu beschmutzen, so daß Leben nicht mehr in ihm aufkam, jedenfalls nicht dort, wo der meiste Verkehr herrscht. Der Rhein – eine dreckige Fahrrinne.

Aber just dort sind jetzt wieder Fische gesehen worden. Und gleichgültig, ob sie aus dem Bodensee talwärts oder aus der Nordsee bergauf gekommen sind, sie waren da, sie lebten. Sie schwammen so fröhlich einher wie auf dem Bild vom Christopherus, der das Jesuskind durch den Rhein trug. Sie schwänzelten dem Heiligen voraus und hinterdrein, und jeweils ein Pärchen hielt sich dicht bei seinen dicken Waden.

Ist es heute aber wahr, daß die Fische, die in diesen meinen Zeilen besungen werden, sich nicht etwa bloß verschwommen haben, sondern wirklich und wahrhaftig wiedergekehrt sind, so sind alle Menschen, ob deutsch oder französisch, fast alle Fabriken, Organisationen und Behörden zu preisen, die hier beteiligt waren und denen das trockene Wort "Umweltschutz" nicht bloß eine Redensart ist. Sie haben dem Rhein das Leben zurückgeschenkt.

Daher kam es, daß ich in heftige Gemütsaufwallung geriet und angesichts der Fisch-Meldung eine optische und eine akustische Illusion hatte. Ich sah die Domspitzen vor meinen geistigen Augen, und mit meinen geistigen Ohren hörte ich den kraftvoll-frommen Einsatz der wunderbaren Blechbläser vom Gürzenich-Orchester zu Köln.