Die Textilarbeitergewerkschaft eröffnet die Diskussion über die künftige DGB-Politik

Die Kommunisten und ihre Helfershelfer wissen es schon ganz genau: Das Programm der Gewerkschaft Textil-Bekleidung, das als Antrag des Hauptvorstands dem gegenwärtig in Mannheim tagenden 13. ordentlichen Gewerkschaftstag dieser Organisation vorliegt, sei "partnerschaftlich" orientiert.

Die Textilgewerkschaft, so meint die DKP-Zeitung "UZ" , befinde sich damit auf den Spuren Georg Lebers und glaube offenbar an die Versöhnung von Kapital und Arbeit. Das aber sei glatte Illusion.

In der Tat betonen die Spitzenfunktionäre der Gewerkschaft Textil-Bekleidung in ihrem Programmentwurf, daß kein Teilinteresse – offenkundig auch nicht das der Arbeitnehmer – verabsolutiert werden dürfe, "Die Gesellschaftsordnung muß die gewaltlose Austragung der ständig vorhandenen Interessenkonflikte ermöglichen", schreiben die Autoren dieses Konzepts.

Die Programmatiker der Textilgewerkschaft halten, ein dezentralisiertes Entscheidungssystem in der Wirtschaft für wirksamer und zweckmäßiger als eine zentrale Planung und nennen den Wettbewerb ein bestimmendes Element dieses Systems, dem sie den Vorzug geben. Nach ihrer Auffassung sind Wirtschaftswachstum,Vollbeschäftigung und gerechte Einkommensverteilung vorrangige Ziele der Wirtschaftspolitik. Preispolitik, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und marktwirtschaftliche Ordnung, deren "Instrumentalcharakter" ausdrücklich betont wird, sollen dazu dienen, diese Absichten zu verwirklichen.

Wer die 149 Abschnitte des Programms liest, erkennt schnell, daß hier Gedanken des freiheitlichen Sozialismus, der christlichen Soziallehren und liberaler Auffassungen vereinigt worden; sind. Eine demokratische Einheitsgewerkschaft, die Menschen unterschiedlicher politischer Auffassungen unter diesem Dach organisiert, kann damit leben.

Im ‚ DGB-Bundesvorstand gab es über diese Probleme schon einmal eine Debatte zwischen dem Vorsitzenden Heinz Oskar Vetter und dem Vorsitzenden der Textilgewerkschaft, Karl Buschmann, der jetzt in den Ruhestand tritt. Buschmann meinte damals, daß Vetter manchmal Formulierungen benutze, die sich am Rande des gewerkschaftlichen Ideologiespektrums bewegten und Mißverständnisse auslösten.