"Die siebente Reise", Erzählungen, herausgegeben von Roman Ritter und Hermann Peter Piwitt. Ein außerirdisches Wesen landet, mit lautem Knall, in einem Brombeerstrauch in Baden-Württemberg. Nach der Landung sieht es aus, wie eine als unbequem geltende Lehrerin in Großainach bei Üpplingen auch aussieht. Es ist kaum noch auszumachen, wer von beiden (wer von uns) von Andromeda kommt und wer eben nur ein Irdischer ist. Richard Hey hat mit "Andromeda im Brombeerstrauch" für diesen Sammelband, der vierzehn utopische Erzählungen enthält, eine spannende Science-fiction-Geschichte im Pocket-Format geschrieben. In Ralf Theniors Erzählung "Die chemische Scheidung" betritt einer vom Rand unserer Gesellschaft aus (unter Drogen) einen Bereich, "zu dem normalerweise nur höhere, geläuterte Wesen einen Zugang erlangen konnten Der magische Ort liegt im Symbolbereich der Romantik. Theniors Drogenmystiker entdeckt eine Pflanze, deren geheime Bedeutung ihn abschreckt und anzieht zugleich. Thenior hat seine (arg manierierte) Geschichte aus der Zukunft (wie auch Nicolas Born seinen Beitrag "Radikale Ernte") in der Vergangenheit gefunden. Mehr Gegenwart (aber ohne die pamphletistische Überdeutlichkeit von Peter O. Chotjewitz’ "Bericht über die Abschaffung der Folter auf Pollux") fand Hans Joachim Schädlich in seiner Erzählung vom kleinkarierten Archivbeamten Tallhover, der tagsüber gewissenhaft seine Bücher führt und nachts in seinem Keller als Scharfrichter auftritt. In Schädlichs "Ausblick vom Berg" wird Tallhovers Banalität als seine Unmenschlichkeit sichtbar. Schädlichs und Heys Beiträge sind die am besten gelungenen Geschichten eines Sammelbandes, in dem auch Hans Christoph Buch, Hansjürgen Bulkowski, Elfriede Jelinek, Rainer Kirsch, Stanislaw Lem, Godehard Schramm, Klaus Stiller, Ror Wolf und Gerhard Zwerenz aus der Zukunft erzählen. (Verlag AutorenEdition, München, 1978; 222 S., 26,– DM) Helmut Schödel

"Mit Napoleon in Ägypten 1798–1799", von Vivant Denon. Der Zeichner, Kunsthistoriker und spätere Direktor des Louvre, Vivant Denon (1747–1825), gehörte zu den 167 Wissenschaftlern und Künstlern, die Napoleon auf seine Ägypten-Expedition 1798/99 mitnahm. Der über Fünfzigjährige begleitete nicht nur den Marsch der französischen Invasionsarmee bis nach Assuan und wieder zurück nach Kairo, er versäumte auch keine Minute zwischen den Kämpfen, um die Reste altägyptischer Kultur zu zeichnen. Wieder zurück in Paris verfaßte er dann seinen Reisebericht, der schon 1803 ins Deutsche übertragen wurde, und diese Übersetzung scheint auch für die neue Ausgabe gewählt zu sein. Wichtig für die Ägyptologie wurde dann die zwischen 1809 und 1813 in 38 Bänden erschienene "Description de L’Egypte", in die Denons Ergebnisse eingegangen sind. Dieses Werk legte den Grundstein zur Ägyptologie, die damals noch gänzlich auf Vermutungen angewiesen war, denn die Entzifferung der Hieroglyphen stand noch an. Für Denon war das pharaonische Ägypten noch eine phantastische Märchenwelt, die er überdies ganz mit den Augen des Klassizisten sah und darum oft nicht verstand. Aber er zeichnete sie dennoch exakt: "Der Gedanke, den Gelehrten meines Vaterlandes die Zeichnung eines ägyptischen Basreliefs von solcher Wichtigkeit vorzulegen, machte mir zur Pflicht, geduldig alle Rücken- und Halsschmerzen zu ertragen, die ich während des Abzeichnens auszustehen hatte." Und das ist eher liebenswürdig untertrieben, denn tatsächlich setzte er täglich sein Leben aufs Spiel als Angehöriger einer kleinen, ständig von Arabern Überfallenen Truppe, gequält von Hunger, Durst und Sandstürmen. Sein Reisebericht ist noch heute mit Genuß zu lesen und nie langweilig. (Herausgegeben von Helmut Arndt; Horst Erdmann Verlag, Tübingen, 1978; 376 S., 39 Abb., 32,– DM) Eckart Kleßmann

"Silvester 1999 – Rückblick eines Christen aus Miatopia", von Ralf Textor. In der Silvesternacht 1999"diktaprintiert" der Kirchenfunktionär Ralf Textor Memoiren für seine Enkelin Saskia im "Land-Wasser Indonesien. 1977 hat jemand dieses "Dokument aus der Zukunft" gefunden und veröffentlicht. Textor berichtet von dramatischen Ereignissen im Küstenland Miatopia zwischen 1970 und 1999. 1984 verwüstet eine Umweltkatastrophe Teile des Staates. Zwischen Kirche und Staat finden hitzige Auseinandersetzungen statt. 1992 kommt es zur langersehnten Vereinigung der christlichen Kirchen. Trotz aller negativer Prognosen steht es Silvester 1999 mit dem Christentum nicht schlecht. Billige Trostliteratur oder pragmatischer Zukunftsroman? Auf Detail (Kartenskizzen) wird viel Gewicht gelegt. Ein Anhang legt in bester Buchhaltung den Gesamthaushalt der miatopischen Kirchen von 1970 und 1998 vor. Was soll’s? Es ist wohl der Versuch eines Kirchenfunktionärs, "dokumentarische Zukunftsberichte" zu schreiben. Selbst theologisch bekommt der Leser nur konfuse Information. Die große Linie fehlt. Die Person des frommen Computerspezialisten ist unheimlich: Sie zeigt die geringe Skepsis – nicht nur des Autors, sondern der Kirchen insgesamt – gegenüber dem Phänomen Technologie. Ermutigend schon eher die Szene, in der alle Kirchenführer, schwarz angemalt, zur Parlamentseröffnung gegen die "Einfuhr" schwarzer Arbeiter für ein verseuchtes Bergwerk protestieren. Sie ist wohl stark vom Vorgehen der Arbeitsgruppe Dritte Welt in Bern gegen die Babynahrung-Propaganda der Firma Nestlé in der dritten Welt beeinflußt. Und schon ist eine weitere Neuerscheinung da, die "aus der Zukunft" zu schreiben versucht, Walbert Bühlmann: "Missionsprozeß in Addis Abeba – Ein Bericht von morgen aus den Archiven von heute" (Verlag Josef Knecht, Frankfurt); er spielt "nur" 1980. (Kreuz Verlag, Stuttgart 1977; 237 S., 24,– DM.) Al Imfeld