Berlin: "Martin Disteli"

Als Kontrapunkt zur Zirkuslaune, die die Westberliner Festwochen derzeit beflügelt, hat die kleine engagierte Elefanten Press Galerie in Kreuzberg eine Ausstellung aus der Schweiz nach Berlin geholt, die nicht nur einen Künstler, der hierzulande so gut wie unbekannt sein dürfte, vorstellen, sondern zugleich ein Kapitel Schweizer Geschichte publik machen soll, das dem landläufigen Bild dieses Landes widerspricht. Es geht um Martin Disteli, einen Schweizer Karikaturisten und Maler (1802 bis 1844). Sein Hauptwerk ist im Kunstmuseum Olten versammelt, das auch diese Ausstellung zusammengestellt hat. Der Untertitel "... und fluchend stand das Volk vor seinen Bildern" (aus einem Gedicht, das Gottfried Keller zu Distelis Tod verfaßte), schlägt den Tenor an; Engagiertheit und Aggressivität. In Bildern und Zeichnungen und Graphiken kommen fraglos die selbstgewählten Vorbilder, Daumier oder Grandville (von dem er die typisch-satirischen Mensch-Tier-Darstellungen als Motive übernahm) zum Ausdruck. Der Spott eines Grandville wird da mitunter zu schweizerischer Betulichkeit gemäßigt, gleichwohl dürften diese Attacken gegen Aristokratie, Patrizier und Klerus brisant genug gewesen sein. Hinzu kommen Darstellungen der Schweizer Befreiungskämpfe und innenpolitischer Konflikte, auch ein paar Ölschinken, mit denen Disteli zuweilen sein Geld verdiente. Daß diese Ausstellung sie nicht unterschlägt, spricht für die Ehrlichkeit des Unternehmens; daß sie diesen Künstler, der sicher kein Sozialist, eher ein bürgerlicher Revolutionär war, in sorgsam verteilten, didaktisch erklärenden Texten vorstellt, ist ihr Verdienst. Disteli hatte übrigens in Jena und Freiburg studiert und mußte Deutschland verlassen, weil er Goethe wegen seiner politischen Standortlosigkeit attackierte. In die Schweiz zurückgekehrt, wurde ihm die Einstellung als Zeichenlehrer verweigert – ein früher Fall von Berufsverbot mithin. Und sein brisantestes Werk, der sogenannte "Disteli-Kalender", in dem er mit politischen Karikaturen die Bauern auf die Seite des liberalen Bürgertums bringen wollte, war zeitweilig wegen "Verstoßes gegen die guten Sitten" verboten. Eine Zeitung fragte, was Disteli sei: "ein bummelnder Proletarier? Ein harmloser Humorist? Ein Politdoktor? Ein Wahlhelfer? Ein Vorbild. für Journalisten? Eine Gefahr für die Jugend?" Er war wohl von allem etwas, in jedem Fall ein Patriot (Elefanten Press Galerie bis 22. Oktober, Katalog 20,– Mark) Daghild Bartels

München: "Hubertus von Skal – 6 Räume"

Alle Räume sind gleich groß, ihr Grundriß ist quadratisch, Wände und Decken sind aus lichtdurchlässigem Stoff. Fenster, die natürlich keine sind, weisen darauf hin, daß echte Räume simuliert werden – genau genommen einer nur, mit wechselnden Aspekten, nämlich von Skals Werkstatt. In den japanisch anmutenden Gehäusen sind die von Juni 1977 bis Juli 1978 entstandenen Arbeiten eines Goldschmieds ausgestellt, der für seine gestalterischen Absichten im angestammten Metier Grenzen sah und durch Grenzüberschreitung, durch Ausgreifen, in andere künstlerische Bereiche sein Tun umfassender definierte. Eine "bewegliche lebensgroße menschenähnliche" Holzfigur, zunächst erfunden als Hilfsmittel zur richtigen Vorstellung von "Haltung und Gebärde" einer Person, die einen bestimmten Schmuck trägt, steht im Mittelpunkt der Überlegungen von Skals. Diese Gelenkpuppe ist eine Figur im Raum, je nachdem ob sie steht, liegt oder hängt, ob sie mit ihren Gliedern weit ausgreift oder zur fast zweidimensionalen Zeichnung an der Wand schrumpft, beschreibt sie die Beziehung zum Raumansatz. Die gleichzeitig gemachten Tusche- und Aquarell-Studien, sie sind mit ausgestellt, nehmen das Thema auf. Das Ziel ist die statische Figur im leeren Raum – eine sitzende Figur aus farblosem durchsichtigem Material mit einem Halsschmuck aus hundert Goldkugeln, thront unbeweglich im letzten der sechs Räume. Die Bewegung ist zur Ruhe gekommen, der Betrachter erlebt unmittelbar den Raum. (Neue Sammlung bis zum 29. Oktober, Mappe mit 16 Photos 25 Mark)

Helmut Schneider –

Wichtige Ausstellungen

Berlin: "Paul Delvaux" (Haus am Lüchowplatz bis 8. Oktober, Katalog 8 Mark)