München

Als die Frauen begannen, sich jenseits ihrer angestammten traditionellen Beschäftigungsbereiche in angeblichen "Männerberufen" zu etablieren, stießen sie auf die eigenartigsten Abwehrreaktionen und -argumentationen. "Maurer, männl. oder weibl. gesucht; Bewerber müssen Brustumfang von mindestens 96 cm haben und bereit sein, bis zur Hüfte entkleidet im Freien zu arbeiten", formulierten britische Bauunternehmer ihre Stellenausschreibungen, nachdem der "Sex Discrimination Act" ihnen eine geschlechtsspezifische Anwerbung verbot. In der Bundesrepublik genügte oft schon der Hinweis auf die fehlenden Damentoiletten, um das Interesse weiblicher Arbeitnehmer für Jobs der Herrenwelt im Keim zu ersticken. Wenn an den sanitären Anlagen nichts auszusetzen war, mußten Befürchtungen über Störungen im Betriebsklima oder die potentielle Gebärfreudigkeit der Bewerberinnen gelegentlich die herkömmliche Rollenverteilung in der Arbeitswelt retten.

Sogar die überholte Moebius-Theorie vom geringeren Gehirn- und folglich Intelligenzvolumen des Weibes wird in gewissen Männerkreisen noch sorgfältig kultiviert, um die Berufswelt männlich rein zu erhalten. Eine neue Variation zur beruflichen Diskriminierung der Frau in der Bundesrepublik steuerte jetzt der Betriebsarzt der Münchner Stadtwerke, Dr. Karl-Heinz Juritza, bei. Er blockierte ein geplantes Modellversuchsprogramm zur Ausbildung von weiblichen Lehrlingen in technischen Berufszweigen der Elektrizitätswerke mit einem Gutachten über die kurzen Arme, Beine und Daumen der Frauen.

Die "Erschließung gewerblich-technischer Berufe für Mädchen" könne nicht unter finanziellen, organisatorischen oder baulichen Gesichtspunkten gesehen, sondern allein danach beurteilt werden, ob gegenwärtige Ausbildungsbelastungen und spätere berufliche Weiterentwicklungen sich mit den biologischen Gegebenheiten des weiblichen Organismus und den darauf abstellenden gesetzlichen Einsatzbeschränkungen vereinbaren lassen, formulierte der langjährige Arbeitsmediziner in seinem Ablehnungsbescheid. Und seiner Überzeugung nach sind sie unvereinbar.

Begründung: Die Maschinen in den angepeilten Berufszweigen – Maschinenschlosser, Betriebsschlosser, Elektroinstallateur, Elektrogerätemechaniker, Regeltechniker und Kfz-Schlosser – seien nach männlichen Maßen konstruiert. "Doch der weibliche Körper ist im Durchschnitt zehn Prozent kleiner als der des Mannes. Die Frau hat kürzere Arme und eine rund zehn Prozent geringere Reichweite. Der Daumen der weiblichen Hand ist kürzer, der Zeigefinger länger. Auch die Beine der Frau sind kürzer als die des Mannes und die Kraft des einzelnen Muskels um die Hälfte geringer", listete Dr. Juritza dem Stadtrat die anatomischen Nachteile des anderen Geschlechts auf. Und da Mädchen in puncto Atemkapazität, Hitzeverträglichkeit, Stehfähigkeit und Stemmkraft einen Vergleich mit den Männern nicht standhalten könnten, riet der Vater zweier Töchter von dem geplanten Ausbildungsprogramm ab. "... denn einstellen können wir die Betreffenden später in unsere harten Arbeitsplätze der Heizkraftwerke doch nicht."

Mit der Stimmenmehrheit der CSU wurde daraufhin im Stadtrat der von Bonn bezuschußte Modellversuch abgeblasen – wenn auch unter der Drohung der SPD-Stadträtinnen, sie würden in Zukunft die geschlechtseigenen "langen Zeigefinger" immer wieder auf diese Wunde legen und weiterhin "mit unseren kurzen Daumen" Druck ausüben, um weiblichen Installateuren und Schlossern einen Weg in die männliche Berufsdomäne zu ebnen.

In Berlin (West) hat die deutsche Bevölkerungsmehrheit mit dem zu kurzen Daumen bessere Zukunftschancen. Die Berliner Verkehrsbetriebe bilden im Rahmen des vom Bundesbildungs- und Wissenschaftsministerium finanzierten Förderungsprogramm "zur Öffnung neuer Berufswege für Mädchen" neuerdings Betriebsschlosserinnen, Elektromechanikerinnen und Installateurinnen aus. Im kommenden Jahr wollen sich auch die Gaswerke dem Antidiskriminierungsakt anschließen.