Noch vor wenigen Monaten gaben sie den Ton an. Heute mag kaum noch jemand auf sie hören: die Pessimisten, für die eine langanhaltende Stagnation der Wirtschaft eine ausgemachte Sache ist. Eine allgemeine Sättigung der Märkte muß nach ihrer Ansicht zu einem Rückgang der privaten Nachfrage führen, dadurch die Investitionsbereitschaft der Wirtschaft lähmen, dies wiederum zu einer bis weit ins nächste Jahrzehnt anhaltenden Massenarbeitslosigkeit führen. Währungskrisen, Inflation, soziale Unruhen, weltwirtschaftlicher Strukturwandel, drohender Energie- und Rohstoffmangel und bedrohliche technische Umwälzungen sind die bevorzugten Farben, mit denen die Pessimisten ihre großformatigen Krisengemälde an die Wand malen.

Doch fast über Nacht hat sich der Geschmack gewandelt. Plötzlich finden wieder in freundlicheren Farben gepinselte Konjunkturlandschaften ein interessiertes Publikum – vor allem, wenn sie mit dem berühmten Silberstreif am Horizont verziert sind.

Das Angebot ist reichlich. Aus den Wirtschaftsforschungsinstituten kommen immer wieder Meldungen mit der Überschrift "Aussichten verbessert". Das Bundeswirtschaftsministerium glaubt beobachtet zu haben, daß sich das "Stimmungsbild" in der Wirtschaft gebessert habe. Die Aktienkäufer sind schon seit einiger Zeit dieser Ansicht und treiben die Kurse auf immer neue Jahreshöchststände. Die Verbraucher, die noch vor kurzem als so gesättigt dargestellt wurden, daß ihre Kaufzurückhaltung die Arbeitsplätze gefährde, müssen sich jetzt schon wieder vorhalten lassen, daß sie zu wenig sparen. In der Tat ist der Teil des verfügbaren Einkommens, der auf die hohe Kante gelegt wird, von dem 1975 mit fast 18 Prozent erreichten Höchststand inzwischen auf 13 Prozent zurückgegangen. Aufhorchen läßt auch die Nachricht, daß der größte private deutsche Arbeitgeber, der Siemens-Konzern, zum erstenmal seit vier Jahren im gerade abgelaufenen Geschäftsjahr die Zahl seiner inländischen Mitarbeiter wieder erhöht hat, immerhin um zweitausend.

Daß sich in der Wirtschaft nicht notwendigerweise alles immer nur zum Schlechten wenden muß, zeigt auch die Entwicklung der Preissteigerungsrate. Obgleich die ewigen Pessimisten uns auf dem Höhepunkt der Inflationswelle weismachen wollten – und dafür damals auch ein gläubiges Publikum fanden –, daß es schier unmöglich sei, wieder zu halbwegs stabilen Preisen zurückzufinden, ist die Teuerungsrate nun schon seit vielen Monaten auf dem Rückzug und inzwischen auf einen Prozentsatz geschrumpft, wie wir ihn seit neun Jahren nicht mehr erlebt hatten und noch vor einem Jahr für unerreichbar hielten.

Optimismus wirkt ebenso ansteckend wie Pessimismus, und die wichtigste Voraussetzung für einen anhaltenden und kräftigen Aufschwung nach der langen Flaute ist die, daß auch alle fest daran glauben und sich entsprechend verhalten. Das darf allerdings nicht dazu führen, daß der Patient bei den ersten Anzeichen einer Besserung so behandelt wird, als sei er schon wieder kerngesund. Wenn der Wirtschaft jetzt wieder in zu rascher Folge Belastungen aufgepackt werden wie in den Zeiten der Reform-Euphorie, dann ist ein Rückfall so gut wie sicher. Behutsamkeit muß daher auch für die Tarifpolitik gelten. Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen ohne Augenmaß sowie von Gewerkschaftern oder Arbeitgeberfunktionären ohne Not geschürte soziale Auseinandersetzungen könnten die beginnende Erholung sehr rasch wieder zunichte machen. Der heute vorherrschende Optimismus könnte sich dann – ebenso schnell wie er entstanden ist – wieder ins Gegenteil verkehren.

Arbeitgeber- wie Gewerkschaftsfunktionäre sollten sich daher die Worte des langjährigen Vorsitzenden der Industriegewerkschaft Textil, Karl Buschmann, zu Herzen nehmen. Der aus dem Amt scheidende Gewerkschafter warnte in seiner Abschiedsrede vor künstlich erzeugten Freund-Feind-Bildern und der zunehmenden Polarisierung zwischen den Parteien und sozialen Gruppen. Dies könne die Grundlage für die Gemeinsamkeit der Demokraten zerstören. Hinzufügen läßt sich, daß dies auch die Grundlagen für unseren Wohlstand, für sozialen Frieden und für die Gestaltung einer humanen Arbeitswelt zerstören könnte.Michael Jungblut