Von Fritz J. Raddatz

Walter Mehring: "Die verlorene Bibliothek – Autobiographie einer Kultur"; Claassen Verlag, Düsseldorf, 1978; 320 S., 29,80 DM.

Eine verlegerische Tat aus engagiertem Kulturbewußtsein ist dem Claassen-Verlag zu danken: die Werkausgabe Walter Mehring. Keinen besseren Anfang hätte man sich ausdenken können, als mit seiner merkwürdigen, melancholischen Kulturbetrachtung Zu beginnen, "Die verlorene Bibliothek" genannt – Mehrings Art, ein Zeitalter zu besichtigen. Wohl selten hat jemand es geschafft, seine Autobiographie und quasi die Biographie eines Jahrhunderts zu schreiben, indem er nicht Lebenshunger, sondern Lesehunger vorführt. Mehrings Wandern durch die aus Wien ins amerikanische Exil gerettete Bibliothek des Vaters, erster Urwald des Jünglings und immer Orientierungsschule des heranwachsenden Literaten, ist eine Kulturmorphologie par excellence. Seine Letternsucht ist Weltsucht auf eine ganz andere Weise, ist nicht etwa kokettes Vorzeigen irgendeiner Vielbelesenheit, sondern ständige Reflexion von Leben; das kann sich wie im Brennglas zu einem Satz zusammenziehen: "Man greift zum Buche wie zum Glase". Das kann sich zu mehr als anekdotischer Erinnerung aufzwirnen: " ,Morgen‘, hörte ich einen der Burschen sagen, ,morgen hängen wir sie alle auf: die Schwarzen und die Roten und die Herren Juden; und die, wo die vielen Bücher haben, zuerst...!"

Walter Mehring hat mit diesem Buch geleistet, was am besten mit dem Wort "undeutsch" zu fassen ist: Grazie trotz einer nahezu lexikographischen Bildung, amüsante Leichtigkeit, die nie nur zum Geschnatter und Geplauder verkommt, die immer den Mut hat zur Analyse wie zur eleganten Formulierung. Die Trauer des Mannes, den schon als Knaben der Vater ins Zimmer mit den Büchern bat, um zu sagen: "Ich möchte, daß Du mit Herrn Ernst Toller bekannt wirst, der auf mich den Eindruck von etwas sehr Ungewöhnlichem gemacht hat", findet sich, im Exil, in einem einzigen Satz: "Waren die Bücher doch wieder um mich und wärmten sie doch meine Seele an."

In diesem gar nicht so umfangreichen Buch ist alles auf einmal enthalten, Leidenschaft und Bildung, politische Bitterkeit und Stil, Kultursoziologie und Skepsis. Es funkelt von Anekdoten, die viel mehr sind als bloß Klatschgeschichten; wenn etwa die bekannte Geschichte erzählt wird, wie Marcel Proust im Sterben lag und noch einmal nach seinen Manuskripten verlangt, um eine darin beschriebene Agonie an Hand der seinen nun zu revidieren, dann ist das der Beginn einer gloriosen Proust-Analyse; wenn an anderer Stelle vom unrettbar darmkranken Oscar Wilde erzählt wird, der, als man ihm ein letztes Glas Champagner einflößte, sagte: "Ich sterbe über meine Verhältnisse", dann ist das das Anheben zu einem großen De profundis. Walter Mehring, der sein Leben lang nie eine Wohnung besaß, ähnlich Joseph Roth nur in Hotels lebte (und heute noch lebt) und seine schönsten Texte in Caféhäusern schrieb, hat hier nicht nur eine köstliche Studie der Eitelkeit geliefert – etwa der einzig möglichen Literatenreaktion nach der Nachricht von Prousts Tod: "Jeder der Anwesenden schien von zwei Gedanken absorbiert: der Formulierung des Nekrologs – und welcher Zeitschrift er diesen anbieten sollte" – sondern hat auch in wenigen Sätzen diesen einzigartigen Produktionsort der Literatur charakterisiert: "In den europäischen Cafés sind mehr Bücher, ja, oft großartigere geplant worden, als alle Bibliotheken zusammen enthalten, – und mehr Taten, als die Weltgeschichte verbrochen hat... Denn in den Cafés hat es sich ereignet, daß ein Aphorismus (der Gedankenblitz eines Schnorrers) den bombastischen Wortbau einer Weltberühmtheit einäscherte. Dort tagten um einbeinige Marmortischchen die Konzile, um zu beschließen, ob der Weltschmerz um das Verlorene Paradies’ Miltons sich auf das Menschenherz reimen sollte oder nicht. Dort – im Konclave – berieten die Ecclesiasten eines ästhetischen Vatikans die Nächte durch über den nächsten Literaturpapst, bis der weiße Tabakrauch aufstieg. In diesen Bazars des abendländischen Boheme, in diesen Moscheen eifersüchtelnder Nomadensekten kniete man noch vor dem Altar des Frauenaktes. Wer Modell war, blieb schleierhaft."

Dieser Spaziergang durch die Jahrhunderte der Literatur, für die, wie Mehring sagt, jeder Europäer nun einmal eine unselige Schwäche hat, glänzt und funkelt von brillanten Formulierungen, von ästhetischen Geistesblitzen. Der ganze Céline ist zusammengefaßt in einem Satz: "Ronanmonolog der Selbstverzweiflung an der Menschlichkeit." Das Werk von Marx wie Freud ist immerhin charakterisiert, wenn Mehring sagt, sie "verargten Künsten den Spiel-Trieb".

Um aber kein Mißverständnis walten zu lassen, muß man sagen, daß Mehring immer wieder seine Fähigkeit zur Analyse großer Zusammenhänge, großer Bücher, großer Autoren zeigt, keineswegs sich beschränkt auf das geistvolle Aperçu. Seine Interpretation etwa von Stendhal ist meisterhaft, genauer und aus der Kenntnis des Produzierenden sensibler geschrieben als so vieles, das man aus der Feder beamteter Kulturkritiker kennt: "Doch die große Romantechnik des XIX. Jahrhunderts – das sagten im Rückblick all ihre Kenner – wäre undenkbar geblieben, gar nicht zu verstehen ohne die Disziplin eines Offiziers der napoleonischen Armee, ohne einen Henri Beyle (de Stendhal – mit dem berühmtesten seiner vielen Schwindelnamen), Sohn eines frostigen Staatsrichters und der südlich alpinen Universitätsstadt Grenoble; Zögling von Geistlichen (die in ihm eine unüberwindliche Aversion gegen die ‚Schwarzröcke‘ hochzüchteten), Dragoner im Feldzug Bonapartes gegen Italien und später als Konsul der Julirevolution vertraut mit allen Uniformhochstapeleien und den politischen und amourösen Kabalen norditalienischer Kleinfürstendespotien; ‚Intendant‘ der Besatzungskommandantur in Preußen (nach Stendal versetzt): ... Aus egoistischer Notwehr gegen ‚das Fiasko aller Passionen‘, rasch gekränkt in seiner Eitelkeit und verwundbar in seiner untersetzten Korpulenz, hatte er sich eine stutzerhafte, höhnische Manieriertheit im Umgang mit seinen Standespersonen, mit Offizieren und mit Frauen anerzogen und trug sie in jeder Lebenslage seiner diplomatischen Karriere und literarischen Laufbahn zur Schau: wenn er sich auf Napoleons blamablen Rückzug von Moskau in einem verheerenden Schneesturm makellos uniformiert, gepudert, mit tadellos gekräuseltem Bart bei seinem kommandierenden General meldete; ebenso bei einer kleinen Schauspielerin, die ihn wieder einmal hinauswarf. Er protokollierte jeden Gefühlsausbruch mit der Kaltblütigkeit eines Untersuchungsrichters, dem jede Exaltiertheit verdächtig ist, der jedes Individuum ausreden läßt, bloß um es in Widersprüche zu verwickeln und einzuschüchtern, – Furcht einflößen, das hatte er von Napoleon gelernt."