Leonardo da Vincis "La Gioconda" im 20. Jahrhundert

Von Raimund Hoghe

Eine Spur von Mona Lisa auch in der am 4. April 1976, 20.30 Uhr, vom ZDF ausgestrahlten "Derrick"-Folge "Tote Vögel singen nicht". "Nach dem vermißten Photomodell Anni Roth fahndend, sucht man nach ihr auch in der (mit dem gerühmten Konterfei werbenden) Mona-Lisa-Bar. Derrick: ‚Wo geht ihr hin?‘ ‚Zur Mona Lisa, Kaffee trinken.‘ (...) Derrick: ‚Und vergessen Sie nicht: Die echte Mona Lisa lächelt heute noch!‘"

Trotz solch detaillierter Spurensicherung, wie sie hier etwa Timm Ulrichs in der für den Katalog zusammengestellten Filmographie betreibt, ist der Fall Mona Lisa noch keineswegs geklärt. "Das berühmteste Gemälde der Kunst? geschichte" zählt noch immer auch zu den rätselhaftesten. Nach wie vor unbekannt ist zum Beidas genaue Entstehungsdatum des legendären Porträts – das wohl zwischen 1503 und 1506 in Florenz entstandene Bildnis wird so "um 1504" datiert. Auch über die Identität der Porträtierten konnte bisher nicht letzte Klarheit gewonnen werden. Daß das "Mona Lisa" oder "La Gioconda" genannte Gemälde tatsächlich Mona Lisa, die Gattin des Francesco del Giocondo, zeigt, ist nicht unumstritten. Leonardo könnte hier auch, wie einige Legendenbildner meinen, Isabella d’Este oder Constanza d’Avalos gemalt haben. Und in eine ganz andere Richtung weist schließlich noch eine weitere Legende: Danach saß keine Dame der Gesellschaft, sondern ein sehr schöner männlicher Schüler des Künstlers Modell für das bekannteste aller Frauenporträts.

Visualisiert wird diese Legende 1919 von Marcel Duchamp in seinem folgenreichen Readymade "L.H.O.O.Q.". Duchamp nimmt eine der zahlreichen Reproduktionen der zu allen Zeiten kopierten und nachgeahmten "Mona Lisa" und malt ihr, zunächst ohne an Freud und dessen Auseinandersetzung mit Leonardo da Vinci zu denken, "einfach mit der Vorstellung, sie zu entweihen, einen Schnurr- und einen Kinnbart ins Gesicht", verwandelt die Frau mühelos in einen Mann und lotet, wie Museumsdirektor Siegfried Salzmann im umfangreichen Katalog (25 Mark) notiert, "tiefenpsychologische Dimensionen aus; die bisher an dem Bildnis nicht gesehen worden waren. Er enthüllte seinen androgenen Zustand, eines der Rätsel, das bisher nicht entschlüsselt worden war". Marcel Duchamp hefert entscheidende Ausgangspositionen für die Vielen Mona-Lisa-Metamorphosen des 20. Jahrhunderts – neben Kasimir Malewitsch, der 1915 mit seiner Collage "Komposition mit Mona Lisa" die erste bedeutende Verfremdung des romantischverklärt und idealisiert betrachteten Bildes geschaffen hatte,

In seine kubistische Formensystematik fügte Malewitsch eine unvollständige Mona-Lisa-Reproduktion ein und strich das "geheiligte" Spitzenwerk des traditionellen Bildungsgutes zweimal rot durch. Wie Malewitsch wendet sich auch Fernand Léger gegen die idealisierte Einzigartigkeit des Kunstwerks. Als er 1930 seinen Schlüsselbund malt und noch einen weiteren Gegenstand für das Bild sucht, entdeckt er in einem Schaufenster die Mona Lisa, setzt sie kontrastierend zu den Schlüsseln auf die Leinwand und fügt schließlich noch eine Sardinendose hinzu. "Die Mona Lisa", sagt er, "ist für mich auch ein Gegenstand wie alle anderen."

An Versuchen, den traditionsbeladenen Mona-Lisa-Kult zu zerstören, mangelte es auch in den letzten Jahren nicht. Die bis 3. Dezember in Duisburg und anschließend in Stuttgart gezeigte Ausstellung belegt es mit einer Fülle von Beispielen und präsentiert Mona-Lisa-Beiträge so unterschiedlicher Künstler wie Andy Warhol und Jochen Gerz, Jasper Johns und Fernando Botero, Salvador Dali, Tom Wesselmann, Paul Wunderlich oder Robert Filliou, der nicht als einziger zeitgenössischer Artist die teure "Gioconda" (Versicherungswert: über 110 Millionen Mark) in höchst profaner Umgebung sieht. Sein Objekt "Die Gioconda ist auf der Treppe" besteht aus Putzeimer, Schrubbtuch, Besen und dem Schild "Bin in 10 Minuten zurück, Mona Lisa".