Angeklagt des 170fachen Mordes: Arvids Bajars, Polizist in Lettland, als die Deutschen kamen

Von Jost Nolte

Ein lettisches Sprichwort sagt: "Der Rücken erhält, was der Mund verdient." Eine andere Volksweisheit vom Rigaer Meerbusen rät: "Ringe nicht mit einem starken Mann, bringe einen Reichen nicht vor Gericht."

Arvids Bajars, siebzig Jahre alt, Lette, vor dem Lübecker Schwurgericht angeklagt, im August 1941 auf Befehl der deutschen Besatzungsmacht in der 8000-Seelen-Gemeinde Wenden/Provinz Livland an der Erschießung von 140 Juden und 30 Kommunisten mitgewirkt zu haben, scheint die unterwürfige Haltung seines Volkes zu verkörpern. Er habe, sagt er, die ihm vorgeworfenen Taten nicht begangen, er sei nicht schuldig. Doch nichts liegt ihm ferner, als aufzutrumpfen und sich zu empören. Er läßt den Prozeß geduldig über sich ergehen und bemüht sich, auf jede Frage die richtige, jedenfalls aber eine höfliche Antwort zu finden.

Wer verstehen will, was da verhandelt wird, muß weit ausholen. Es genügt nicht zu wissen, daß im Sommer 1941 die deutschen Truppen der Roten Armee das Baltikum abjagten und das sogenannte Reichskommissariat Ostland sofort eine "Säuberung" einleitete, wobei behauptet wurde, die Russen hätten in ihrer voraufgegangenen Besatzungszeit mehr als 31 000 Letten ermordet oder verschleppt. Es genügt auch nicht, sich zu erinnern, daß Hermann Göring kurz zuvor, am 31. Juli, seinen die "Gesamtlösung der Judenfrage" betreffenden Brief an den SS-Gruppenführer Heydrich geschrieben hatte und man in den besetzten Ostgebieten quasi Erfahrungen für die berüchtigte Wannsee-Konferenz vom Januar 1942 sammelte, auf der man dann nicht mehr von einer "Gesamtlösung", sondern von einer "Endlösung" sprach und diese beschloß.

Wir müssen weiter zurückgreifen – bis zum Jahr 1200, als Bischof Albert mit dem Schwertbrüderorden südlich der Düna die ersten lettischen Stämme unterwarf und eine geistlich-weltliche Herrschaft errichtete. Wir müssen durch die Jahrhunderte den Wechsel von Ordensregiment, Vormachtkämpfen der Deutschen, Dänen, Schweden, Polen und Russen und schließlich der Zarenzeit verfolgen. Wir müssen bedenken, daß auch unter den Zaren immer die Deutschbalten die, Führungsrolle spielten. Sagen sie, die deutschen Balten, nicht heute noch: "Sie haben es doch gut gehabt bei uns, die Letten?" Fügen sie dann nicht gönnerhaft hinzu. "Allerdings, sie haben sich danach schnell gemacht. Sie sind ein intelligentes Volk?" – Was tritt da anderes zu Tage als später Herrenstolz?

"Lauf und verschwinde im Wald"