Erstaunlich gelassen hat der wichtigste und am stärksten betroffene Nachbar die südafrikanischen Entscheidungen zu Namibia kommentiert: Angola ist nicht bereit, seinen auf Entspannung und Unabhängigkeit gerichteten Kurs zu revidieren. Die Regierung in Luanda verwirklicht Schritt für Schritt ihr schon vor Jahren gegebenes Versprechen, einen zwar sozialistischen, aber afrikanischen souveränen Staat aufzubauen. Dazu braucht Präsident Neto nach den Verwüstungen des Bürgerkrieges fremde Hilfe. Von Moskau, Ost-Berlin und Havanna wurde sie ihm reichlich gewährt, vom Westen würde er sie gern annehmen.

Auf die ersten Kontakte, im Frühjahr via Lissabon hergestellt, reagierte die Europäische Gemeinschaft zurückhaltend. Erst als Neto Mitte August auf einer Botschafterkonferenz in Luanda einer verstärkten Zusammenarbeit mit den westeuropäischen Industrieländern das Wort redete und freundschaftliche Beziehungen mit allen Staaten ankündigte (allerdings auch "privilegierte" mit den sozialistischen Ländern), brach das Eis. Eine belgische Delegation unter Außenminister Simonet fuhr in den afrikanischen Staat, und Simonet erteilte seinen Gastgebern anschließend eine Art weltpolitischer Absolution: Er habe Angola niemals als Brückenkopf für sowjetische Interventionen in Afrika angesehen.

In der Tat hat die Regierung Neto ihren Friedenswillen mehrfach unter Beweis gestellt. Der Aussöhnung mit Zaire folgte eine Absprache mit Sambia, den Guerillakampf in Namibia zu drossein- und einer einvernehmlichen Regelung eine Chance zu geben. Den belgischen Gästen wurde mehrfach erklärt, daß man die kubanischen Helfer noch brauche, aber heimschicken werde, sobald der Staat halbwegs auf eigenen Beinen stehen könne. Ein nächster Schritt war die Einladung Angolas und Moçambiques, als Beobachter an den Neuverhandlungen des Lome-Paktes (zwischen der EG und 53 afrikanischen, karibischen und pazifischen Staaten) teilzunehmen. Die engere Zusammenarbeit unter den ehemaligen Afrika-Kolonien Portugals geht ebenfalls auf Angolas Initiative zurück.

Dem außenpolitischen Neutralitätskurs entspricht im Inneren eine pragmatische Politik des Wiederaufbaus, die seit Dezember 1977 Vorrang vor allen sozialistischen Prinzipien hat. Kredite und Investitionen des Westens, von Regierungen wie von Privaten, sind erwünscht. Fachkräfte werden mit offenen Armen aufgenommen, und aus Portugal haben etwa 2000 Angola-Flüchtlinge bereits die Heimreise nach Afrika beschlossen – für Lissabon eine willkommene Entlastung und zugleich die Hoffnung, in der portugiesischen Sprachfamilie einen Markt wiederzugewinnen.

Netos Flirt mit dem Westen scheint nicht auf kubanischen Widerstand zu stoßen. Havanna legt es nach der Kontroverse mit Washington um die letzte Invasion nach Shaba/Zaire darauf an, seine Behauptung von der stets friedlichen, defensiven Unterstützung demonstrativ zu beweisen. So kämpfte es auf äthiopischer Seite gegen die somalischen Eindringlinge im Ogaden, verweigert aber im Bürgerkrieg gegen die eritreischen Separatisten Addis Abeba jede größere Waffenhilfe.

Einer schnelleren Annäherung Angolas an die Europäische Gemeinschaft steht freilich ein Hindernis entgegen. Neto möchte vorher zu allen neun Mitgliedern diplomatische Beziehungen aufnehmen, zögert aber im Falle Bonns. Ursache ist die deutsche Raketenbau-Firma OTRAG, die im benachbarten Zaire eine Billigrakete baut und friedlichen Zwecken dienen, doch Angola äußert Zweifel. Eine "friedliche" Rakete kann auch mierprobt. Zwar heißt es, das Muster werde nur litärische Nutzlasten tragen, und so innig ist die angolanisch-zairische Aussöhnung nicht, daß Angola dem Nachbarn Zaire blind trauen würde.

Horst Bieber