In der letzten Zeit hat es ein paar Versuche gegeben, Jahrbücher für Mädchen in zeitgemäßer Form aufleben zu lassen. Sonderbarerweise erwies sich das alte Konzept als sehr zählebig. Die typischen Themen von Kosmetik bis zur Aufklärung feierten, mit etwas sanfter Politik und Umweltschutz garniert, fröhliche Urständ. Sie hatten trotzdem nicht den rechten Erfolg: Mädchen bekommen das nämlich in Frauenzeitschriften und Wochenzeitungen viel geschickter und routinierter geboten.

Das

"Kursbuch für Mädchen", herausgegeben von Gertrud Wilker; Verlag Huber, Frauenfeld; 300 S., 24,80 DM

geht einen anderen Weg. Es besteht nicht aus Sekundärliteratur. Es kümmert sich nicht um Alltagskonsum und das, was Mädchen angeblich interessiert. Es läßt Mädchen und Frauen – und Männer – selber sprechen. Die Herausgeberin hat eine "literarische Darstellung der vielfältigsten Grundsituationen weiblicher Existenz" zu geben versucht, mit dem Ziel, "jungen Mädchen im Entwicklungsalter Hilfe anzubieten" in Form eines "Beitrages zur Emanzipation der Frauen, der sie nicht mit feministischen Kampfparolen und Rezepten zu manipulieren versucht; dafür, nimmt er ihr eigenes Urteilsvermögen um so ernster". Dieses Kursbuch bringt hervorragende Zeugen dafür, daß es immer schwer war, zu sich selbst zu finden: Marie Luise Fleißer mit ihren Frauen-Protokollen aus der Provinz, August Bebels Geschichte einer Arbeiterin, Stücke von so Berühmten wie der Kaschnitz, Kollwitz, McCullers. Daneben Texte von Autoren, die die Leser sicher nicht in ihren Schulbüchern entdecken, die sie aber dazu verlocken könnten, sich an Hand des sorgfältigen Quellen- und Namensverzeichnisses auf die Suche nach Romanen, Theaterstücken und Erzählungen zu machen. Namen wie Lou Andreas-Salome, Hugo Loetscher, Natalie Ginzburg oder Simone Weil könnten den Lesern ein Begriff werden. Sie würden entdecken, was die elegante und radikal unabhängige George Sand vor über hundert Jahren über Klassenunterschiede dachte und mit welcher Heiterkeit und Leidenschaft Rosa Luxemburg in ihren Briefen zum Beispiel schrieb: "Die Welt ist schön bei allem Graus und wäre noch schöner, wenn es keine Schwächlinge und Feiglinge auf ihr gäbe."

Das ist alles in allem nicht im geringsten ein Buch nur für Mädchen, kaum eins über Mädchen, sondern eine wichtige Fundgrube für alle, die nicht zur "sumpfigen Froschgesellschaft" gehören, wie das Rosa Luxemburg genannt hat.

Sybil Gräfin Schönfeldt