Nordpolnische Impressionen: Zwischen Windmühlen, Kirchen und "Hot dogi"

Von René Drommert

Ich verlasse das Grand Hotel von Sopot (Zoppot) und gehe auf abschüssigem Gelände zur Straße hinunter. Als ich auf halbem Wege an einem stehenden Taxi vorbeikomme, streckt sich mir aus dem Auto ein anmutiger Arm entgegen. "Wollen wir spazierengehen?" fragt mich die blonde Polin ohne Einleitung schlicht auf deutsch. Sie fragt mich ganz gewiß nicht, weil sie mit mir auf der 500 Meter langen Mole (der größten Polens) promenieren will. Vielleicht will sie nur einen fairen Tausch vorschlagen: ihre einwandfrei abzuschätzenden Dienste gegen Banknoten hergeben, deren Gültigkeit (Tauschbarkeit) auch dort an der Ostsee einwandfrei abzuschätzen ist. Man kann in solchen Augenblicken, sich ein bißchen brüstend, leicht sagen: "Ja, unsere Devisen wollen sie." Aber ich hüte mich, mir etwas auf Verdienste einzubilden, an denen ich keinen Anteil habe. Ich verzichte auf den Spaziergang, wenn er auch als Vorspiel zu einer Art konzentrischer Völkerversöhnung en miniature gemeint ist, nicht allein, weil es zu regnen beginnt.

Was wollen die polnischen Städte, wollen sie wachsen, oder wollen sie schrumpfen? Man weiß es nicht immer so genau. Es ist von Fall zu Fall verschieden. Sopot, Gdańsk (Danzig) und Gdynia (Gdingen), die einander "auf den Leib rücken", werden vorausgreifend als "Dreistadt" bezeichnet. Zusammen mit nur zeitweilig beschäftigten Arbeitern (zum Beispiel auf der Werft) hat die Dreistadt rund 800 000 Einwohner. Aber nach Auffassung einer lebensklugen Fremdenführerin aus Danzig wird diese Großstadt nicht so bald zustande kommen. Jede der drei Städte habe ihre eigene Geschichte, keine wolle ihre Souveränität, kein Bürgermeister seine Selbständigkeit aufgeben.

Seit 1973 gibt es in Sopot einen Klub vornehmlich älterer Einwohner, auch Historiker gehören dazu, die die Stadt auf keinen Fall modernisieren wollen. Sie wollen sie alt erhalten. Sie wollen sie sogar verkleinern. Bis zum Beginn des nächsten Jahrtausends wird Sopot, das heute 47 000 Seelen zählt, nur noch 40 000 Einwohner haben. Wenn es gelingt.

Stilles Entsetzen in Sekunden

In der Dreistadt, die also einstweilen nur als Hypothese existiert und in der das Leben doch schon kräftig pulsiert, wird immer noch eifrig restauriert, wie in Warschau, Minsk, Leningrad, in Hunderten von Städten des Ostens. Wieder aufgebaut sind in Danzig zum Beispiel das Rathaus, die Häuser in der bezaubernden Langgasse, das Zeughaus, die Marienkirche, das Goldene Tor (Zlota Brama), das Hohe Tor (Brama Wyźynna), der Stockturm, der Artushof, die Folterkammer. Von Danzigs 17 Kirchen ist im Krieg nur eine einzige unversehrt geblieben, die Nicolaikirche. Der Architekt, der mit der Wiederherstellung der Katharinenkirche betraut war, soll gesagt haben: "Ich bin Atheist, aber wenn ich das Baptisterium so hinkriege, wie es war, laß ich darin meine Kinder taufen."