Von Jutta Kamke

Der Vorwurf wurde bereits im Mai 1975 klar formuliert: "Manchmal werden Mittel, die in den Ursprungsländern nicht mehr verkauft werden dürfen oder wegen fehlender Wirksamkeit oder geringer Sicherheit vom Markt genommen wurden, in Entwicklungsländern verkauft. Für andere Mittel wird geworben oder sie werden in Entwicklungsländern für Indikationen angeboten, für die sie in den Ursprungsländern nicht zugelassen sind." Ausgesprochen hatte diesen Vorwurf Dr. Halfdan Mahler, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf,

Bestätigt und im Detail belegt werden diese Aussagen nun von zwei Studien: von den britischen Forschern der Haslemere Group (die bereits 1976 mit ihrer Studie "Nestle tötet Babys" weltweites Aufsehen erregten) in ihrem Bericht "Wehr nützt die pharmazeutische Industrie?" sowie von dem Endokrinologen Dr. John S. Yudkin am Hospital Medical College in London, der seine Ergebnisse in derangesehenen medizinischen Fachzeitschrift The Lancet bereits im April dieses Jahres veröffentlicht hatte.

In der Haslemere Group-Studie wird unter anderem belegt, daß schädliche oder wirkungslose Medikamente in den Handel der Dritten Welt gelangen können, weil die Kontrolle dort längst nicht so streng ist wie in den Industrieländern. So hat etwa die amerikanische Lebensmittel- und Arzneikommission FDA das Verhütungsmittel Medroxyprogesteronazetat (verkauft unter dem Markennamen Oracon) in den USA vom Markt gezogen, weil dort nach mehrjähriger Einnahme in etlichen Fällen Gebärmutterkrebs aufgetreten war. Trotz dieses ernsthaften Verdachts exportierte der US-Hersteller Upjohn das Mittel laut Aussage der britischen Forscher in mehr als 70 Entwicklungsländer, In Deutschland gibt es übrigens kein direktes Gegenstück zu dieser Pille.

Die Untersuchung des englischen Arztes John Yudkin, der längere Zeit in Tansania gearbeitet und an der Universität von Daressalam unterrichtet hat, beschreibt noch detaillierter die Verhältnisse in Afrika. Die Hauptprobleme der Entwicklungsländer auf dem Gesundheitssektor sind Unterernährung, Infektionskrankheiten und vor allem auch Parasitenbefall, der durch mangelhafte hygienische Voraussetzungen und soziale Mißstände gefördert wird, wie sie in den Industrieländern kaum noch vorstellbar sind.

Zwischen 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung leben in oft schwer zugänglichen ländlichen Gegenden. Nach Schätzungen der WHO haben weltweit 600 Millionen Menschen überhaupt keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Als wichtigste Todesursachen fungieren in den Entwicklungsländern deshalb noch immer Krankheiten, die in Industrieländern kaum mehr in Statistiken auftauchen; von den jährlich rund 88 Millionen Neugeborenen in den Ländern der Dritten Welt werden nur vier Millionen Kinder geimpft, sterben fünf Millionen an Diphtherie, Wundstarrkrampf, Kinderlähmung oder Masern.

Der Aufbau einer eigenen Pharmaindustrie steckt in den meisten Entwicklungsländern noch in den Kinderschuhen, es fehlt an technischem Wissen, an eigenen Fachleuten, an Kapital. Die Westlichen Pharmakonzerne sind nicht übermäßig interessiert, diesen Zustand zu ändern: Die Entwicklungsländer wünschen eine Beteiligung an Forschung, Herstellung und Handel – und langfristig eine volle Übernahme des Geschäfts. Das kollidiert mit den Interessen des Internationalen Verbands der Pharmaindustrie, wonach – wie sein Präsident Max Tiefenbacher vom Frankfurter Arzneimittel-Giganten Hoechst erklärte – nur "nach den Prinzipien der freien Marktwirtschaft arbeitende Unternehmen... die Versorgung auch der Entwicklungsländer mit wichtigen Medikamenten sicherstellen" könnten.