ZDF, Sonntag, 8. Oktober, 22.35 Uhr: "Das Musik-Porträt" – Baird, Lutoslawski, Penderecki, von Josef Patkowski (Interviews) und Krzysztof Zanussi (Regie).

Zuerst ein paar Aha-Effekte. Da laufen mehrere Menschen durchs Bild, die Kamera fährt auf einen von ihnen zu, Großaufnahme, der Mann redet – aber im Ton ist nur ein bißchen Hintergrundgeräusch zu hören, "Atmo", wie die Leute vom Bau das nennen, was her muß, wenn man den richtigen Ton leider nicht hat. Aha, denkt man, Bild und Ton getrennt, Experimentelles also, moderne Filmtechnik fürs Porträt von moderner Musik.

Dann stellen sich zwei Männer vor, Techniker und Physiker der eine, nicht ganz unbekannter Filmregisseur der andere. Aha, denkt man, keine schlechte Idee, mal ein Musik-Porträt von jenen machen zu lassen, die Musik nur hören, nicht sie selber machen oder alles darüber (zu) wissen (glauben). Und von einem Film-Profi, der fühlt, daß Montagen und Schnitte ebenfalls einen, ihren eigenen Rhythmus, ihre eigene. Struktur haben müssen.

Schließlich ein Einstieg nicht von der hohen Warte. "Sagt Ihnen der Name Tadeusz Baird etwas?" hatte man den Mann und die Frau auf der Straße in Warschau gefragt und später gleichermaßen nach Witold Lutoslawski und Krzysztof Penderecki. Und der Mann und die Frau von der Straße waren allenfalls bei Baird gelegentlich unsicher gewesen, bei den anderen beiden aber voll im Bilde, wiesen sogar mit Stolz die Frage zurück. Aha, denkt man, Dialektik: Stellen Sie sich vor, so der nicht gesprochene Kommentar, wie bei uns eine Befragung ausgegangen wäre – Stockhausen: eine Roman-Schriftstellerin; Zimmermann: der Ganoven-Jäger von XY im ZDF; Reimann: ein ehemaliger KPD-Chef.

Aber dann macht der Techniker/Physiker plötzlich Interviews. Redet unvermittelt mit dem ersten der drei Porträtierten über den "Erfolg" der polnischen neuen Musik – als wüßte der Zahnarzt aus Gummersbach, daß es die überhaupt gibt. Fragt den zweiten, wie er "heute fühlt über" eine angeblich 1961 selbstentwicktelte Methode, den "kontrollierten Aleatorismus" – und gibt sich (und den Zahnarzt) damit zufrieden, daß "viel wichtiger nicht die Zeit-, sondern die Tonhöhenorganisation" ist. Plaudert mit dem dritten über die "Zusammenhänge zwischen deiner zweiten Oper und den Teufeln" – als könnte der Zahnarzt sich an Pendereckis Huxley-Vertonung erinnern.

Und dann natürlich Musik. Elf Szenen aus irgendwelchen Stücken irgendwelcher Kompoponisten mit irgendwelchen Musikern irgendwo. (Bleibt zu hoffen, daß wenigstens bei der Tantiemen-Abrechnung noch irgend jemand weiß, was da gespielt wurde). Elf Szenen, in denen die Kamera völlig hilflos und ohne Orientierung über das Orchester schweift – und prompt immer gerade jene Musiker erwischt, die pausieren. Elf Szenen, deren Tonqualität fast sämtlich dafür prädestiniert zu sein scheinen, jemandem das Interesse an neuer Musik mit Gewalt auszutreiben.

Eine Art musikgeschichtliche Projektionswand, auf der sich hätte zeigen und abheben können, was da, plötzlich und zunächst unbeobachtet wie bis heute (auch vom Film) nicht erklärt, als polnische Avantgarde nach 1945 entstand – nicks dergleichen. Ein paar Hinweise zu den Umfängen der fast eine Revolution zu nennenden Bewegung, zu den Personen, den Werken, den Techniken, die hier erfunden, wie den Widerständen, die sie hervorgerufen haben – keine Silbe. Einige Anmerkungen zu den kulturpolitischen Bedingungen und Folgen des "Warschauer Herbst", der, im Gegensatz zum "Prager Frühling", noch andauert (ob er ebenso bedeutsam blieb, das ist noch die Frage) – kein Sterbenswörtchen. Ein freundlich-kritisches Wort zu der Geschwindigkeit, mit der die Avantgarde der fünfziger und frühen sechziger Jahre, zufrieden sich selber kopierend, zu den Angepaßten der siebziger sich entwickelte, mehr auf die Tantiemen achtend als auf die Diskussionen (oder die gelähmte Stille), die die Werke bewirken – absolut nichts.