Gegen unsere Post ließe sich manches sagen – aber nichts gegen unsere Briefträger. Hätten wir nicht den Herrn Müller ins Herz geschlossen, der uns immer so nett die Post bringt, wären wir noch viel schlechter zu sprechen auf den Herrn Gscheidle, der uns den Zeittakt bringt und immer diese Gebührenerhöhungen.

Hoch auf dem gelben Fahrrad, diesem klapprigen Kommunikationsvehikel, kurven die blauen Engel vom Amt, eine Nachricht von Tante Emma im Postsack und Sonne im Herzen, allmorgendlich durch die Nachbarschaft und machen, daß die Welt gleich viel freundlicher aussieht. Selbst wenn sie statt des Grußes vom reichen Erbonkel aus Amerika mal schlechte Nachricht vom Finanzamt bringen, kompensieren sie es mit ihrem immer fröhlichen Wesen – jedenfalls unser Herr Müller.

Das diplomatische Potential seiner Brief-Botschafter weiß der oberste Dienstherr offensichtlich wohl zu schätzen, wie man aus dem jüngsten Versuch des Bundespostministeriums schließen kann, die dienstbaren Geister noch dienstbarer zu machen. Seit dem 1. Oktober erfüllen Briefträger nach Kurt Gscheidles Plänen in einem zunächst auf ein halbes Jahr befristeten und auf Ludwigshafen, Wilhelmshaven und den Main-Kinzig-Kreis begrenzten Experiment im Rahmen ihrer üblichen Tätigkeit Sozialhilfe-Aufgaben.

Die postalischen Boten, wegen ihrer oftmals engen und vertrauensvollen Kontakte mit den Kunden als dafür besonders geeignet angesehen, sollen in diesem sozialen Auftragsdienst "Kontaktlücken" zwischen Hilfsbedürftigen und Sozialämtern schließen. Sie sollen Beobachtungen über eventuelle Hilfsbedürftigkeit von Kunden dem Postamt melden, das seinerseits das Sozialamt unterrichtet. Sie sollen Wünsche hilfesuchender Menschen, etwa nach einer Rentenberatung, einer Teilnahme an der Fernverpflegung oder dem Besuch eines Pflegers, entgegennehmen. Zu diesem Zweck tragen sie ein Scheckheft bei sich, in dem man Gewünschtes einfach ankreuzen kann.

Einfach ankreuzen – welch ideale Lösung für unsere sozialen Probleme, Post kommt sowieso ins Haus – nütz das aus!

Es wäre nachgerade undankbar gegenüber dem Postminister, die soziale Absicht nicht postwendend zu begrüßen. Ein paar gebührenfreie Gedanken dazu schwirren einem Postkunden freilich durch den Kopf: Wie weit haben wir es in unserem sozialen Verhalten hierzulande gebracht, daß wir es schon für eine gute Idee halten, die "Kontaktlücken" zwischen Hilfsbedürftigen und Sozialämtern durch unsere Postzusteller schließen zu lassen? Kennt der Mensch womöglich tatsächlich keine Nachbarn und keine Verwandten mehr? Wo sind die Bürger mit der Initiative, die es unnötig macht, daß schon wieder ein Quentchen Nächstenliebe – diesmal postamtlich – institutionalisiert wird?

Nichts und wieder nichts gegen unsere Briefträger. Sie haben bisher schon manches ganz selbstverständlich freiwillig getan, was sie nun von Amts wegen tun sollen. Aber man muß doch fragen: Wie kommen wir eigentlich dazu, ihnen dies noch aufzuhalsen, wo sie doch an ihren Päckchen genug zu tragen haben? Zusätzliches Entgelt haben sie aus dem ministeriellen Sozialplan nicht zu erwarten, bestenfalls eine Oberprüfung der "Bemessungskriterien" ihrer Tätigkeit.