Der Plan für einen Plutonium-Vernichter In Kalkar ist nicht zu Ende gedacht

Die Lösung, die Christoph Kolumbus bot, war nicht nur verblüffend einfach, sie war auch unumstritten: Mit etwas Nachdruck stellte er das Ei auf die Spitze – und es stand. Fortan hatte die Nachwelt einen sprichwörtlichen Begriff für die Lösung scheinbar unlösbarer Dinge. Rund fünfhundert Jahre nach Kolumbus glaubt nun Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Horst-Ludwig Riemer, für ein ungleich schwerwiegenderes Problem eine ebenso simple Lösung gefunden zu haben.

Durch das Riemer-Ei möchte der Freidemokrat aus Düsseldorf der Menschheit – unter anderem vertreten von Jimmy Carter und den "Grünen" in der Bundesrepublik – all jene Ängste nehmen, die sich mit dem Stichwort "Plutonium-Wirtschaft" im allgemeinen, mit Kernkraftwerken vom neuen Typ Schneller Brüter im besonderen verbinden.

Der Schnelle Brüter – ein Prototyp entsteht im niederrheinischen Kalkar – unterscheidet sich von den herkömmlichen, als Leichtwasserreaktoren bekannten Kernkraftwerken dadurch, daß er nicht mit dem Spaltstoff Uran, sondern mit dem Brennmaterial Plutonium betrieben wird.

Was die Fachwelt am Brüter fasziniert, ist seine Eigenschaft als perpetuum mobile: Gespeist mit dem in herkömmlichen Reaktoren anfallenden Plutoniumabfall produziert der Brüter nicht nur Strom, sondern gleichzeitig neuen Plutoniumbrennstoff, mit dem weitere Brüter gefüttert werden könnten. Die Vorteile liegen auf der Hand: Während der natürliche Spaltstoff Uran äußerst begrenzt ist, eröffnet das Brüterprogramm schier unerschöpfliche Energiereserven.

Widersacher des Schnellen Brüters erinnert die pemanente Plutoniumbrut eher an den Tanz auf dem Vulkan. Denn Plutonium ist nicht nur 24 000 Jahre lang hochradioaktiv. Schon wenige Kilo genügen, um – gewußt wie – eine nukleare Bombe zu zünden. Da beim kommerziellen Einsatz der Brütertechnologie für die Energieversorgung im kommenden Jahrtausend Plutonium im großen Mengen anfällt, befürchtet Horst-Ludwig Riemer den "massiven Einstieg in die Plutoniumwirtschaft".

Was den Nuklear-Laien Riemer dabei insbesondere schreckt – und damit befindet er sich in guter Gesellschaft mit US-Präsident Jimmy Carter –, ist die Vision der weltweiten Plutoniumverbreitung, die es gleichsam: jedermann gestattet, waffenfähiges Spaltmaterial in der Waschküche zu produzieren. Diese Furcht beeindruckt Riemer ebenso wie seinen Parteifreund Burkhard Hirsch, Innenminister von Nordrhein-Westfalen, derart, daß er eine seit Monaten im Düsseldorfer Kabinett fällige Teilgenehmigung zum Weiterbau des Reaktors in Kalkar blockiert. Statt dessen brütet der liberale Wirtschaftsminister an einem eigenen Brut-Konzept.