Der Höhenflug der deutschen Aktien dauert länger als erwartet

Von Kurt Wendt

Der Oktober begann in den deutschen Börsensälen mit einem Paukenschlag. Ein eher bescheidener Schub von Kaufaufträgen aus der Schweiz führte bei den Aktien zu. neuen Spitzenkursen. "Aus dieser Ecke kommt noch mehr", frohlockten die deutschen Börsianer, als bekannt wurde, daß die Schweizer Notenbank den Franken nicht weiter seinem Schicksal überlassen, sondern versuchen will, seinen Kurs gegenüber der deutschen Mark zu drücken. In Erwartung weiterer Kaufaufträge aus dem Ausland beeilten sich deutsche Investoren, die in den letzten Wochen gegenüber deutschen Aktien Zurückhaltung geübt hatten, mit weiteren Käufen und beschleunigten damit die Aufwärtsbewegung.

Unverkennbar ist aber auch, daß der Gedanke, die deutschen Wertpapiermärkte könnten zum Parkplatz für internationale Liquidität werden, zahlreichen Börsenexperten mehr Unbehagen als Freude bereitet. Mit Schauern denken sie an den Tag, an dem die jetzt einströmenden Gelder wieder abgezogen werden. Das dürfte spätestens dann der Fall sein, wenn der Dollar seine internationale Attraktivität zurückgewonnen hat. Diejenigen, die in absehbarer Zeit eine nachhaltige Erholung des Dollars für möglich halten, sind allerdings weit in der Minderzahl.

Hausgemachte Hausse

Die praktisch seit Anfang 1977 andauernde deutsche Aktien-Hausse ist überdies alles andere als nur ein Produkt vagabundierender internationaler Liquidität. Die feste Tendenz ist in erster Linie "hausgemacht". Sinkende Zinsen als Folge einer sich auf alle Bereiche erstreckenden hohen Liquidität und vor allem die Körperschaftsteuer-Reform, die seit Beginn dieses Jahres zumindest teilweise die Doppelbesteuerung der Aktien beendet hat, gaben den Rahmen für aufwärtsstrebende Kurse. So kam es; daß an den Börsen Jubelstimmung herrschte, während sich die deutsche Wirtschaft immer noch mit einem Konjunkturtief, mit Strukturkrisen und hohen Arbeitslosenziffern abplagte.

"Die Stimmung ist besser als die Lage", hieß es damals an den Börsen – und das war durchaus logisch. Jede neue Hiobsbotschaft aus dem Bereich der Wirtschaft mußte die Bereitschaft der Regierung zur Verabschiedung weiterer Konjunkturprogramme wachsen lassen. Besonders das jetzt auf dem Tisch liegende zehnte Programm seit Beginn der Krise hat die Anleger froh gestimmt und sie zu neuen Aktienkäufen geführt, weil damit erstmals eine Korrektur des leistungsfeindlichen Einkommensteuertarif und eine Entlastung der Unternehmen von gewinnabhängigen Steuern angestrebt wird. Nach Ansicht der Börsianer wird damit bei der Konjunkturförderung endlich an der richtigen Stelle angesetzt und bei den Unternehmen das Interesse an Investitionen wieder angeregt.