Daß überhaupt noch Zigeuner leben, verdanken sie unter anderem einem Verhalten, das in einer ihrer Sprachen "godi" heißt. Das ist eine Art schlitzohriger Überanpassung, nichts Leichtfertiges, im Gegenteil. "Godi" ist notwendig, damit der Zigeuner zwischen den Gesetzen. einer seßhaften Gesellschaft ungestört den Geschäften seiner Art nachgehen kann. Und dasvsind, entgegen landläufiger Meinung, in der Regel keine kriminellen.

Wegen "godi" mögen viele Kinder, die Zigeuner, vermute ich, und nicht nur wegen des harzigen Rauchs über den flüchtigen Wohnplätzen der Rastlosen. Und deshalb ist der Roman von

Ronald Lee: "Verdammter Zigeuner"; Beltz & Gelberg, Weinheim; 220 S., 16,80 DM

auch ein Kinder- oder besser ein Jugendbuch. Viel allerdings passiert in diesem Roman (dessen Originaltitel "Goddam Gypsy" sich natürlich viel schöner anhört) an Plätzen, die allgemein als "jugendgefährdend" gelten.

Yonka, der Erzähler vom Stamm der Rom, ist kanadischerZigeuner. Er spricht fünf Sprachen, baut historisch-authentische Schiffsmodelle, kann davon aber nicht; existieren. Die Gesellschaft der "Gazhe", der – auch in Kanada – herrschenden, seßhaften, weißen Christen, die an Osterhasen, Klapperstorch und Eishockey glauben, traut keinem Zigeuner. Yonka muß sich als Kesselflicker und Gelegenheitsarbeiter durchschlagen, schließlich als Hehler und Dieb, muß in Slums wohnen, weil man Zigeunern keine anständigen Wohnungen vermietet.

Yonkas Geschichte, das Leben mit seiner indianischen Frau, seinen Freunden Kolia, dem Kesselflicker, Yilko, dem Geiger, Indianer-Johnny, den Hippies, Huren und Wahrsagerinnen, farbig, wild, exotisch, brutal und zärtlich, traurig und letztlich verzweifelt, rückt Vorstellungen vom lustigen Zigeunerleben ein für allemal zurecht – hoffentlich! Der Kampf um Gleichberechtigung und Anerkennung der kanadischen Zigeuner, an dem Yonka (er ist identisch mit dem Autor, heute kanadischer Delegierter im Internationalen Zigeunerrat in Paris) führend teilnimmt, scheitert. Die Zigeuner verschwinden nach und nach im kriminellen Untergrund Montreals und anderer kanadischer Großstädte. Mit ihnen verschwinden die schönen Geschichten, zum Beispiel, wie Kolia seine Braut raubt, weil der Vater so etwas von einem ordentlichen Zigeuner verlangt, oder wie Yanko ums Feuer den Kalderash tanzt, bis er umfällt. Wie Demitro, der würdige Zigeunerboß, Yanko mit Marie, der Indianerin, nach den Riten der Rom verheiratet. Und es verschwinden die Sagen von E ZELANI DEVLAIKA, der grünen Göttin und O BANGO WAST, dem Zigeunerteufel. "Godi", begreift Yonka, die alte Überlebenskunst der Zigeuner, setzt einen, wenn auch andersartigen, meinetwegen seßhaft-spießigen, aber immerhin menschlichen Partner voraus. In einer durchorganisierten, datengesteuerten, Kosten/Nutzenorientierten Gesellschaft funktioniert sie nicht mehr. Deshalb wandert Yonka mit seiner Familie nach Europa aus. Ob es ihm da besser ergeht?

Franz Josef Degenhardt