Nicht nur bei der Unternehmensorganisation und Menschenführung versucht Centraal Beheer den sozialen Wandel zu berücksichtigen, sondern auch in der architektonischen Gestaltung der neuen Hauptverwaltung. Es sollte versucht werden ein Gebäude zu schaffen, das dem heutigen Lebensgefühl und den sozialen Bedürfnissen besser entspricht als die herkömmliche Büroarchitektur – ein Versuch, der so gut gelungen ist, daß der Bürokomplex inzwischen zu einem Mekka von Architekten aus aller Welt geworden ist.

Als der Beschluß für eine Verlegung des Firmensitzes von Amsterdam nach Apeldoorn gefaßt wurde, formulierte das Management 1968 für das neue Gebäude die folgende Leitlinie:

"Wir müssen eine Arbeitsstätte für tausend Menschen bauen. Dort müssen diese Menschen an fünf Tagen in der Woche arbeiten, täglich acht Stunden. Sie verbringen also an fünf Wochentagen die Hälfte der Zeit, die sie bewußt erleben, am Arbeitsplatz. Sie sind somit im Durchschnitt länger im Büro als zu Hause. Das bedeutet, daß die Erbauer verpflichtet sind, eine Arbeitsstätte zu bauen, an der sich tausend Menschen wie zu Hause fühlen können, ohne in der Masse unterzugehen. Andererseits darf der arbeitende Mensch in dieser Gemeinschaft nicht isoliert werden."

Das Ergebnis ist ein phantasievoll verwinkeltes Gebäude, in dem es weder herkömmliche Zimmer noch die üblichen Großraumbüros gibt. Niemand – auch nicht der Vorstand – sitzt in abgeschlossenen Räumen, in denen er sich vor Kollegen und Mitarbeitern abschirmen kann. Dennoch hat jede Arbeitsgruppe ihren eigenen Bereich, gibt es um jeden Arbeitsplatz herum genügend private Atmosphäre. In dem weitläufigen Gebäude hindert keine Tür die Kommunikation, aber niemand sitzt wie auf dem Präsentierteller. Die Cafeteria, zu der auch Familienangehörige und Freunde der Mitarbeiter Zutritt haben, liegt als Kommunikations- und Erholungszentrum inmitten des Verwaltungsgebäudes.

Eine individuelle Gestaltung der Arbeitsplätze wird nicht nur geduldet, sondern von der Architektur ebenso gefördert wie vom Management. Das Verwaltungsgebäude ist von seinen Erbauern so konzipiert worden, daß die Mitarbeiter dazu angeregt werden, es sich um den Schreibtisch herum heimisch zu machen. Da hängen nicht nur die üblichen Plakate mit hübschen Mädchen oder Landschaften an der Wand. Da wuchern Pflanzen aller Art. Einer hat die Zimmerdecke optisch gesenkt, indem er Fischernetze drapierte, ein anderer zur Feier seines Geburtstages Girlanden gespannt, eine junge Frau aus Schallplatten ein Mobile konstruiert. Wer mag, kann Haustiere mitbringen oder einen Vogelkäfig aufstellen. Ein Abteilungsleiter versucht eventuellen Fehleinschätzungen vorzubeugen: "Viele Besucher meinen, hier herrsche eher Urlaubs- als Arbeitsatmosphäre. Aber wenn Sie unsere Geschäftsberichte ansehen, können Sie leicht feststellen, daß wir auch ganz schön fleißig sind."

Nur eine Ecke will nicht so recht in das allgemeine Bild passen: Da stehen auf engstem Raum häßliche alte Büromöbel aus billigem Fichtenholz, bestückt mit unansehnlichen Büromaschinen. Inmitten des tristen Ensembles drei Wachsfiguren, nach der Mode der fünfziger Jahre gekleidet. "Das ist unser Gruselkabinett", erklärt eine junge Holländerin. Die Manager bezeichnen es als Traditionspflege. Aber der häßliche Anblick soll wohl auch ein wenig die Erinnerung daran wachhalten, unter welchen Bedingungen noch vor wenigen Jahren im alten Verwaltungsgebäude gearbeitet wurde – damit die Annehmlichkeiten des Neuen nicht allzu rasch zur Selbstverständlichkeit werden. mj