Für den erwachsenen Leser sind diese Erzählungen wie ein spannender Gang durch die Stilkunde des Jugendbuchs –

Norma Mazer: "Lieber Bill, weißt Du noch?", Erzählungen, aus dem Amerikanischen von Rolf Inhauser; Verlag Sauerländer; 160 S., 16,80 DM

Was Texte für junge Leute heute an literarischer, Qualität bieten können, zeigen die sieben Skizzen dieses von Rolf Inhauser hervorragend übersetzten Bandes mit einer lässigen Selbstverständlichkeit, wie sie offenbar nur in den USA entstehen kann. Der Jugendbuchschreiber hat ja immer Mühe, den rechten, jugendlichen Ton zu treffen, was zu den unzähligen auf Schnoddrigkeit gequälten Ich-Erzählungen des Jugendbuchmarktes führt. Die Autorin zeigt spielend, was man mit Formen machen kann.

Die Titelgeschichte ist der Versuch, einen Brief zu schreiben, und dabei ist das Briefschreiben nicht das Vehikel, um einen jungen Erzähler für die Geschichte zu gewinnen, sondern das Thema, der Inhalt wird nebenbei mitgeliefert.

Die 15 jährige Bitsy weiß nicht, wie sie es ihm sagen soll. Er, das ist der einst umschwärmte Freund der großen Schwester, von dessen Heirat sie erfahren hat. Die aufgewühlten Gefühle der "Betrogenen" führen nun dazu, daß sie nur Briefanfänge zustande bringt, manche zwei Seiten lang, andere nur drei Zeilen. Sie versucht dem Adressaten Vergangenes in Erinnerung zu rufen und konfrontiert ihn auch mit ihrer gegenwärtigen Not. So entsteht eine exakte Beschreibung ihrer pubertären Zerrissenheit. In zerknüllten Briefbogen liegt sie vor ihr und dem Leser.

Und offenbar stellt sich da, wo die Form stimmt, Natürlichkeit und Glaubhaftigkeit der Geschichten von selber ein. Norma Mazers Mädchen stehen immer in einer konkreten häuslichen Situation (nebenbei erhält man ein ganz gutes Bild vom amerikanischen Mittelstand), haben überempfindliche Mütter, brutale, trinkende Väter oder lästige Geschwister. Nie bleiben die Geschichten im Irgendwie-Irgendwo, immer sind die Konflikte psychologisch genau entwickelt. In so einem Buch ist dann auch Platz für Leid und Schmerz und deren Bewältigung: Ein Mädchen, das mit Krebs im Bett liegt, wird ruhig vor der endlich von der Mutter eingestandenen Gewißheit des nahen Todes.

Die scheinbar Ausweglosen Situationen des Alltags beschreibt das Buch (Verliebtsein, ängstlich behütende Eltern, eine Mutter geht fremd), aber auch, wie ein plötzlicher Entschluß, eine Einsicht die Figuren, die oft fast schon verzagen wollten, weitermachen läßt. Das geht mitunter nur mit dem verblüffenden Optimismus der Amerikaner. Aber da diese "Lösungen" immer mit der Beziehung zu einem andern Menschen zu tun haben, läßt man sich leicht und gern davon anstecken. Rudolf Herfurtner