Walter Scheel als Wahlkampfschlager in Hessen und Bayern – Wen will die CDU?

Von Gunter Hofmann

Viel Lob hagelt Walter Scheel ins Haus. Geht das so weiter, könnten sich die Chancen für eine Wiederwahl des Bundespräsident ten verschlechtern, die neuerdings unversehens stark angestiegen waren.

Im Kanzleramt hat Scheel dezent wissen lassen, nun habe es genug erdrückende Liebesbeweise gegeben; zuviel Zuneigung bewirke das Gegenteil. Wenn er nur Favorit der Koalition bliebe, die sich auf eine Wiederwahl Scheels festgelegt hat, läuft er Gefahr, ein Kandidat der Minderheit zu bleiben. Das aber will Scheel auf keinen Fall.

Ob er nach Ablauf seiner Amtsperiode am 30. Juni 1979 ein zweites Mal gewählt wird, ist heute offen. Nicht einmal erdrutschartige Verschiebungen zugunsten der Koalition bei den Landtagswahlen in Hessen und Bayern, im Frühjahr dann in Berlin, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein könnten an der 30-Stimmen-Mehrheit der Union in der Bundesversammlung (553 gegen 503 Wahlmänner nach augenblicklichem Stand) Entscheidendes ändern. Unwichtig ist sogar die Frage, ob die Union ihrer Mehrheit für eigenen eigenen Kandidaten – Karl Carstens nach Lage der Dinge – ganz sicher sein könnte; Scheel wird mit Sicherheit auf Zulauf aus den Reihen der Union nicht setzen. Er überläßt nichts dem Zufall; nie.

Es gibt kein Plebiszit

Zuerst erweckte Bundeskanzler Schmidt, jüngst Vizekanzler Genscher den Eindruck, die Landtagswahl-Serie könne zum Plebiszit über Walter Scheel gemacht werden. Oppositionsführer Kohl beklagte, daß schon jetzt über das Amt gehadert werde, als sei das erst zu einem bestimmten Zeitpunkt erlaubt – und als hätte nicht auch die CDU längst angeboten, sie könne Scheel wählen, wenn die Kasse stimmt, wenn die FDP also zu einem Partnerwechsel bereit wäre. CSU-Chef Strauß verhieß zudem einen eigenen Präsidentschaftskandidaten, gegen Kohls Schweigegebot. Soviel Entrüstung, wie sie derzeit zu hören ist, will also zur Wahrheit nicht passen; so wenig wie die Verklärung auf der anderen Seite, die weismachen will, das Scheel-Spektakel verfolge keinerlei parteipolitische Interessen. Aber Bonn hat wieder ein Thema.