Sie sind wenige. Wenige, die den Niedergang des zeitgenössischen Theaters sehen und dem institutionellen Theater seine Daseinsberechtigung absprechen. Ich saß in der "Toten Klasse" von Tadeusz Kantor und fühlte mich doch ein wenig seltsam – vor den Puppen oder den erstarrten senilen Schulkindern in der vermoderten Schulklasse sitzend, erinnerte ich mich an das, was wir ausüben, blind, süffisant, in den Anzügen von Künstlern ... Ich wußte, so ist es auch noch heute, ich laufe morgen in einen Betonklotz und organisiere mir eine ... Inszenierung von ... und so weiter.

"Aus dem üblichen Kreis der Gewohnheiten und religiösen Riten, der Zeremonien und Spiel-Aktivitäten, ist irgendeiner herausgetreten, der den kühnen Entschluß faßte, sich von der kulturellen Gemeinschaft zu lösen. Seine Motive waren weder Hochmut noch der Wunsch, die Aufmerksamkeit aller auf sich zu lenken. (..) Ich betrachte ihn als einen Rebellen, einen Verweigerer, einen Ketzer, frei und tragisch, da er es gewagt hat, allein zu bleiben mit seinem Los und Schicksal."

Ich zitiere eine Stelle aus Kantors Manifest "Das Theater des Todes". Das ist vielleicht als Empfindung nicht so neu, und doch hat es mich sehr berührt, verletzt. Ich glaube, wir Theaterleute haben etwas vergessen: daß wir so gut aufgehoben sind in so reichen Institutionen, daß es uns unmöglich ist, irgendwelche Errungenschaften, eigene Entdeckungen zu machen. Man kann nur das, was solche Poeten mit Leidenschaft sich ausdenken, geschickt "avant-gardistisch" rekonstruieren, für unsere seelenlosen Theaterparkplätze adaptieren. Ja, wie kommt das? Braucht es dazu eine ausführlichere Analyse, oder liegt es einfach und fatal in der Natur der Dinge... Ich glaube, es geht nicht mehr um interessante oder uninteressante Aufführungen (es geht immer noch nur darum); es ist langweilig, belanglos... erlernbar ... um Gottes willen... wenn die Periode der "interessanten Interpretationen" vergeht, wird man ein sehr hoch bezahlter Theaterdirektor, mit einem sehr gut bezahlten Schauspieldirektor, mit einem sehr ordentlich dotierten Dramaturgen ... Also, dieser Übergang ist gar keiner: er ist zwangsläufig enthalten in der Art, wie wir Kunst machen, verstehen. Wir haben dabei uns vergessen, und ich will sagen: es hat mich berührt, wieder zu erfahren, daß das Theater nicht eine Kunst ist, um etwas anderes zu vermitteln, keine Geschichte der Interpretation, sondern NUR eine Lebensform. Aber nicht eine Lebensform von Pfadfindern, die "einen Laden energisch" beleben, immer alle die gleiche Sache meinen und doch noch an der Neuinterpretation eines Klassikers herum-grasen (das nimmt den Gedanken an einen Managerbetrieb noch lange nicht weg).

Ich glaube: Theater kann in einem Zimmer stattfinden, an einem Ort, den wir bestimmen müssen und nicht irgendein verlogenes kulturelles Bedürfnis. Es könnte etwas sein, was mit Poesie, Provokation und Metaphysik zu tun hat, eine Regung, die andere lockt.