Von Dieter E. Zimmer

Sie wurde Anfang 1977 von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegeben, von Infratest durchgeführt, kostete 350 000 Mark und ist jetzt fertig: eine der gründlichsten demoskopischen Untersuchungen über Bücherleser, die es in Deutschland bisher gegeben hat.

Von den Daten, die in etwa 2800 Interviews der Bevölkerung abgefragt wurden und eine fast 300seitige Zahlenhalde bilden, dienen die meisten eher der Selbstbefriedigung der Kommunikationswissenschaft. Darunter sind jedoch immer wieder auch solche, die das, was man sowieso zu wissen glaubt, korrigieren.

Wir, also die Erwachsenen, die die Bundesrepublik und Westberlin bevölkern, sind nicht so illiterat, wie es ein altes Gerücht will. 93 Prozent von uns greifen mindestens einmal im Jahr zu einem Buch, 44 Prozent sogar einmal am Tag. In 94 Prozent aller Haushalte findet sich mindestens ein Buch.

Was sind das für Bücher, in deren "Reichweite" sich das skopierte Demos befindet? Besteht trotz allem, was früher "Lesekultur" genannt wurde? Die Verfasser dieser Untersuchung betrachten, und das ist richtig so, sie können gar nicht anders, das Buch "ohne spezifische kulturelle Wertung", als "Transportmittel für heterogene Inhalte"; sie haben nicht nach "dem Buch" gefragt, sondern nach insgesamt 35 verschiedenen Arten von Büchern. Und konsequent sprechen sie nicht vom "Lesen", sondern von der "Nutzung".

So stellte sich denn heraus, daß an Platz eins Nachschlagewerke stehen: 46 Prozent der Bevölkerung machen von ihnen Gebrauch. Dann Folgen Kochbücher, berufsbezogene Fachbücher, Schulbücher, Gesundheitsratgeber, Bastelbücher und so fort. Schöne Literatur erscheint zum erstenmal auf Platz zehn: Krimis. Aber moderne Literatur, möglicherweise mit einigem literarischen Anspruch, erreicht, auf Platz 19, nur noch elf Prozent der Bevölkerung, Lyrik und klassische Literatur, auf den Plätzen 31 und 32, nur je sechs Prozent. Auf den beiden letzten Plätzen stehen dann Philosophie und Science-fiction.