Ist der Mensch, was immer die Umstände und die Erzieher aus ihm machen? Oder gibt es in seinem Wesen etwas Stabiles, von den äußeren Umständen nur in Grenzen Beeinflußbares, das man als seine Natur bezeichnen kann?

Ende der sechziger Jahre reiste der amerikanische Anthropologe Colin Turnbull in den Norden Ugandas, um dort einen unerforschten Norden schen Jägerstamm zu erkunden. Er wußte nicht, daß ihm eine einzigartige, böse Erfahrung bevorstand. Jener Stamm jagte nicht mehr; sein Hauptjagdgebiet war einige Jahrzehnte zuvor zu einem Naturpark erklärt worden. Er hungerte. Die Ik hatten sich am Rand des Todes einrichten müssen. Ihre unabsehbar in die, Länge gezogene Ausnahmesituation hatte ihr soziales Leben verwüsten Hilfsbereitschaft, Güte, Zuneigung, Liebe: nichts dergleichen war bei ihnen mehr zu finden. Verschwunden war jede Achtung vor Schmerz und Sterben; ihre häufigste Reaktion war eine kindische, absolut gleichgültige Schadenfreude. Eltern sorgten nicht mehr für ihre Kinder, die Jungen nicht für die Alten, die ihre Kinder, nicht für die Kranken, Männer nicht mehr für Frauen und Frauen nicht für Männer. Die einigenden Rituale waren weitgehend fallengelassen worden. Das Wort für "gut" in der Sprache der Ik war dasselbe wie das für "satt". Ihr Interesse aneinander bestand darin, vielleicht etwas von dieser Gutheit des anderen abzubekommen: jeder jagte dem anderen den letzten Bissen ab. In ihrer hobbesschen Gesellschaft war einer des anderen Wolf (die Redensart tut dem kooperativen Wolf Unrecht); und wie Hobbes sah auch der liberale amerikanische Forscher nur eine Art, diese Menschen voreinander zu retten: einen hart durchgreifenden Staat.

In seinem Buch "The Mountain People" beschrieb er die Trümmer des sozialen Lebens, die den Ik verblieben waren, und er beschrieb sie als eine Art "Verhaltenskloake" (so nannte der Biologe John B. Calhoun die mörderische Zerrüttung des Soziallebens einer Rattenpopulation unter dem Streß eines Übervölkerungsexperiments). Turnbull betonte weniger, was trotz allem übriggeblieben war.

Zunächst lebten die Ik durchaus weiter eng zusammen in ihren Dörfern, auch wenn sie die in stachelige Festungssysteme verwandelt hatten, mit denen sich einer vor dem anderen schützte. Eine Gruppe, der es gelang, sich in einer Gegend niederzulassen, in der es keinen Hunger gab, kehrte freiwillig zu den anderen und in das Elend zurück. Versuche, die Ik anderswo anzusiedeln, scheiterten; zu stark war ihr Gefühl, nur an diesen wenn auch noch so kargen Fleck der Erde und zu ihrer wenn auch noch so erbarmungslosen Gemeinschaft zu gehören.

Die Bänder zwischen den Generationen waren zerrissen; aber in einer Karikatur überlebte das Gefühl, einander verpflichtet zu sein. Es wurde zur Erpressung benutzt: Gelang es einem, einem anderen irgendeinen und sei es noch so unerwünschten Gefallen zu erweisen, so konnte er dafür irgendwann ein Essengeschenk erwarten. Die Kinder wurden, soweit sie nicht viel früher starben, mit drei Jahren aus der Hütte der "Familie" geworfen und mußten sich allein durchschlagen. Während bei den Erwachsenen der Kampf aller gegen alle nur die barsten Rudimente einer hierarchischen Ordnung übrigließ und das Amt des nahezu machtlosen Anführers wenig begehrt war, aber die Verteidigung des eigenen Reviers eine bizarre Intensität erreichte, hatten die Kinderbanden kein Revier zu verteidigen, sondern zogen auf Nahrungssuche umher, despotisch befehligt von dem Ältesten und Stärksten. Das sexuelle Interesse aneinander war nahezu erloschen, es galt als unnütze Energieverschwendung; kam Sexualität vor, stand sie auf einer Stufe mit der Defäkation. Nicht erloschen war das Bedürfnis, Koalitionen zu bilden und Nachbarstämme zum eigenen Nutzen gegeneinander auszuspielen. Und immer wieder, gab es Schlägereien, wenn aus nichtigem Anlaß eine Gruppe der Ik über eine andere herfiel.

Dies soll nicht heißen, daß das, was bei den Ik übriggeblieben war, die nackte Natur des Menschen war – unter günstigeren Umständen wären ihnen vielleicht die normalen Formen menschlicher Zuwendung nicht weniger natürlich gewesen. Es soll auch nicht heißen, aus ihrem trostlosen Beispiel gehe hervor, daß es keine Natur des Menschen gibt – die Umstände hätten hier ja eben alle Menschlichkeit beseitigt. Turnbull war es nur zu klar, wie menschlich die Menschen hier trotz der Abnormität ihrer Lage waren; Der Fall der Ik soll nur ein Hinweis darauf sein, daß einige Muster menschlichen Verhaltens selbst unter langanhaltenden extremsten Bedingungen, wenn auch noch so verzerrt, relativ hartnäckig sind.

Es gibt Leute, besonders aus dem Umkreis des Behaviorismus und der Kulturanthropologie, die sagen: Der Mensch hat keine Natur; er ist einzig das Produkt seiner Kultur, und die Kultur ist ein verabredetes System gemeinsamer Symbole, für die kein Muster irgendwie natürlicher ist als ein anderes. "Menschliches Verhalten", heißt die Formel, "ist das Ergebnis sozialen Lernens." Daß einiges leichter und lieber gelernt wird als anderes, ist bereits eine Überlegung jenseits des Horizonts dieser Einstellung, denn es setzt immerhin vorgegebene Lerndispositionen voraus. Diese Haltung fürchtet jeden Hinweis, daß der Mensch vielleicht doch keine absolute Freiheit zu jeder Art von Verhalten hat. Sie besteht auf seiner unbeschränkten Beiehrbarkeit; die sei seine einzige Hoffnung.