Über eine von der Psychologie vernachlässigte Gruppe

Von Eberhard Moths und Peter von Haselberg

Die Unternehmer gehören zu den wenigen Gruppen in unserer Gesellschaft, die sich mit Erfolg gegen empirische Untersuchungen und sozialwissenschaftliche Befunde wehren können. Über Arbeiter, Angestellte, Beamte und neuerdings sogar Ärzte gibt es reichliches wissenschaftliches Material. Studien über die Unternehmer, die zum Beispiel Auskunft über ihre Mentalität, ihr Charakterbild oder die Frage geben, ob sie zu Neurosen oder Depressionen neigen, oder wie es um ihr Verhältnis zu Eltern, Frau und Kindern bestellt ist, sind immer hängengeblieben. Es ist nicht bekannt, daß Unternehmer ähnliche Individualprobleme hätten wie Manager. Sie scheinen widerstandsfähiger zu sein als diese. Krankheit und Streß werden allgemein nicht mit ihnen assoziiert. Wenn es hoch kommt, ist der Unternehmer mal "unlustig" oder "grimmiger Laune".

Bisher ist nie danach gefragt worden, wie ernst man solche Launen nehmen soll. Daß ein Fall von schlechter Unternehmerlaune allgemeine Besorgnis erregte, verdanken wir den Mitgliedern des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwissenschaftlichen Entwicklung. Sie waren es, die auf den "Investitionsattentismus" aufmerksam machten. Die "abwartende Haltung", Zurückhaltung beziehungsweise Lustlosigkeit der Unternehmer gegenüber weiteren Investitionen – so die Übersetzung des Begriffs – ist inzwischen zu einem wirtschaftspolitischen Phänomen ersten Ranges avanciert. Vor allem auf diese Unternehmerunlust wird nun auch amtlich zurückgeführt, daß die hohe Arbeitslosigkeit weiter anhält.

Der Hinweis auf schlechte Laune ist kein analytischer Befund. Weshalb setzt hier keine Psychologie an? Vielen unverstandenen Fragen ist man dank psychologischer Erkenntnisse nähergekommen. Warum nicht auch den unverstandenen Unternehmern?

Bisher hieß es immer: Stört den Unternehmer nicht, der macht das schon! Die fünf Wirtschaftsweisen haben uns signalisiert, daß sich die Situation gründlich geändert hat. Jetzt ist es legitim, genauer nachzufragen: "Warum investiert er nicht, ist er nicht ganz gesund? Leidet er vielleicht an Depressionen?" Wie unpsychologisch bis heute der Unternehmer behandelt wird, zeigt die Drohung eines Vorstandsmitgliedes der Industriegewerkschaft Metall: "Wenn der Unternehmer nicht investieren will, dann muß ihm die Verfügungsgewalt über die Arbeitsplätze entzogen werden." Dieses "Wenn – dann" entstammt pädagogischen Vorstellungen der alten Schule und hat nichts mit Psychologie zu tun: Androhung von Strafe und Entzug von Vergünstigungen an Stelle einer Suche nach den Ursachen des "Fehlverhaltens". Daß mit der Rohrstockmethode gerade bei Unternehmern ein Erfolg zu erzielen wäre, ist zweifelhaft. Sie sind gerade nicht jene begabten Kinder, die aus Mutwillen den Erwartungen der Erwachsenen zuwider handeln, noch fühlen sie Sich als bloße Beauftragte, deren Tätigkeit jederzeit ein anderer übernehmen könnte.

Politiker, Verbände und öffentliche Meinung haben ein anderes Bild von den Unternehmern als Pädagogen der ganz alten Schule. Ihre Vorstellung wird beherrscht von einer normativen Gestalt, einer Kunstfigur. Sie erwarten, daß ein Unternehmer so funktioniert, wie es die Wirtschaftstheoretiker von ihm erwarten. Die vorher erwähnte Drohpose ist eine Mischung aus Wissenschafts- und Aberglaube: "Ihr dürft nicht anders, sein undhandeln im Lehrbuch."