ARD, Freitag, 29. September: "Der 6-Stunden-Tag... und was daraus folgt", Film von Lucas Maria Böhmer und Eckhard Garczyk

Der Vorgang ist erfreulich und bemerkenswert: Seit einiger Zeit sind intelligente Filmemacher dabei, Gegenwartsprobleme durch einen entschlossenen Vorgriff auf künftige Lösungsmöglichkeiten in ihrer Besonderheit zu beschreiben. Statt auf das ist zu starren (was ist, das ist nun einmal: Schluß der Debatte!), erwägt man das könnte und sollte und möchte, denkt Gegenwärtiges bis zur letzten (will heißen: katastrophalen) Konsequenz durch, um es auf diese Weise in seiner Bedrohlichkeit zu veranschaulichen (Beispiel: die versteppten Straßenlandschaften von morgen, Rosthalden und Schrottareale) und entschließt sich dann, Lösungen in Form einer Utopie vorzutragen. Einer konkreten Utopie wohlgemerkt, einer Utopie im Sinne Ernst Blochs. Keine Rede von Prophetie aufs Irgendwie und Geradewohl: Die Filmemacher zeigen, mit Hilfe von Zukunftsprojektionen, das Latente (Verborgene, aber Vorhandene) und Potente (Mächtige, wenn auch Gebundene) im Gegenwärtigen auf und beschwören derart das bessere Morgen mitten im Heute. Möglichkeit als Realität!

Ein Film über die Dreißig-Stunden-Woche veranschaulicht exemplarisch, wie sich das Wechselspiel von Wirklichkeit und Möglichkeit auf dem Bildschirm darstellen läßt. Zuerst die Vision des Jahres 2000, der Vorblick auf eine Welt, in der die Gleichberechtigung von Mann und Frau endlich Tatsache ist (jeder arbeitet sechs Stunden am Tag, jeder ist zugleich für den Beruf und das Haus, die Kollegen und die Kinder da), dann die langsame Annäherung der Vision an die Gegenwart, schließlich, am Ende des Dreischritts, das Aufspüren des (vermeintlich) Utopischen im Hier und Heute: Teilzeitarbeiter machen sichtbar, wie erfreulich und perspektivenreich das Leben sein kann, wenn die Lehrerin und der Amtsrichter, der Mechaniker und die Sozialarbeiterin in einer Ehe die Pflichten und Neigungen gleichmäßig teilen – wenn die Kategorie "mehr Zeit" wichtiger als die Kategorie "mehr Geld" wird und das Sein, sehr langsam und vorgriffsweise, an die Stelle des Habens zu treten beginnt.

Ein Film an der Grenze von Traum und Wirklichkeit – auf die Pointe hin gedreht, daß der Traum realer (weil vernünftiger) als die (von Absurditäten strotzende) Wirklichkeit ist. Ein Film auch, der das gesetzte Ziel, Vernunft in ihre Rechte zu setzen, mit einer Fülle von ebenso witzigen wie überzeugenden Einfällen erreichte. Was am Anfang, in einer montierten Szene (ein DGB-Kongreß von 1978 mit Texten aus dem Jahr 2000), als kurios erschien, erwies sich am Ende, bei der zweiten, in Bild und Wort authentischen Präsentation des DGB-Kongresses, als die selbstverständlichste Sache der Welt: Warum, wurde gefragt, sollen Teilzeitarbeiter nicht mehr gesellschaftlichen und individuellen Nutzen erbringen als ein überstundengeplagter Fronknecht und eine frustrierte Kindsmagd und Küchenfrau in einem Haus, das kein Zuhause ist? Warum soll, bei steigendem Produktionszuwachs, Quantität nicht endlich in Qualität umschlagen?

Warum soll Arbeit nicht durch Spiel aufgehoben werden – in einer Art und Weise, wie es, seinem Sujet angemessen, dieser Film vorexerzierte? Momos