Von Dietrich Strothmann

Das Szenario ist kein Phantasieprodukt: In der festgelegten Frist von drei Monaten werden Israel und Ägypten den in Camp David in groben Zügen entworfenen Friedensvertrag unterzeichnen. Es wird, wenn es bei der stillschweigenden Absprache bleiben sollte, eine Art Separatvertrag sein. Danach werden sich die Israelis Zug um Zug aus ihren Militärstellungen und Siedlungen zurückziehen, es werden – nach drei Jahren – diplomatische Beziehungen aufgenommen und gemeinsame Wirtschaftsprojekte in Angriff genommen werden. Ägypter werden an den See Genezareth, Israelis den Nil entlang nach Assuan reisen. Oder ist das, was ab 12. Oktober in Washington unter amerikanischer Aufsicht zwischen israelischen und ägyptischen Ministern hieb- und stichfest gemacht werden; soll, doch zu schön, um wahr zu sein?

Tatsächlich ist der Friede zwischen diesen beiden, seit dreißig Jahren verfeindeten Staaten noch nicht über den Berg, gar nicht zu reden von einem Frieden für die gesamte Region. Die nächsten Hürden, die den Friedenslauf Begins und Sadats bremsen können, sind schon aufgestellt:

  • Was geschieht, wenn sich Sadat doch genötigt sieht, seinen Vertrag mit Israel durch ein Junktim mit der Lösung der strittigen Probleme Westjordanien und Gaza zu verknüpfen? Weder wäre Menachem Begin bereit, auch dort die Siedlungen aufzulösen, sein gesamtes Militär abzuziehen und die Gründung eines palästinensischen Staates zuzulassen, noch könnte sich König Hussein mit geringeren Zugeständnissen abfinden.
  • Was geschieht, wenn der "totale Krieg" im Libanon, wie er jetzt zwischen den syrischen Truppen und den christlichen Milizen geführt wird, Israel zum Eingreifen verleitet? Jerusalem könnte sich wieder einmal direkt bedroht fühlen, oder Begin müßte sein Versprechen einlösen, ein Massaker an den mit israelischen Waffen ausgerüsteten Christen nicht zuzulassen.

In jedem dieser Fälle hätte sich dann Camp David als nutzlos erwiesen. Carters Lorbeer wäre schnell verwelkt. Darum setzt er wohl auch alles daran, den jordanischen Monarchen zur Annahme der Gipfel-Abmachungen zu bewegen und den libanesischen Krieg durch eine Konferenz zu beenden.

Dabei hatte sich die Verwirklichung der Vereinbarungen von Camp David gut angelassen: Im israelischen Parlament, der Knesset, stimmten zwei Drittel der Abgeordneten einer Sinai-Lösung zu. Enttäuschend für Begin war nur, daß ihm viele seiner alten Getreuen den Rücken kehrten und er auf das Votum der oppositionellen Arbeiterpartei angewiesen war. Danach gab dann auch Sadat vor den Kairoer Parlamentariern grünes Licht für die Abschlußverhandlungen in Washington. Beide wählten bei der Bewertung dieses Durchbruchs ähnliche Worte: Begin sprach von einem "Wendepunkt in der Geschichte des Nahen Ostens", Sadat von einem "einschneidenden Ausgangspunkt". Und es braucht bei den Einzelberatungen, die bis Mitte Dezember terminiert sind, der Teufel diesmal nicht im Detail zu liegen; sie lassen sich regeln. Wie der Abzug der israelischen Truppen und die Räumung der Siedlungen vonstatten geht; wie breit die entmilitarisierten Zonen anzulegen sind; wo wie viele UN-Wächter eingesetzt und amerikanische Frühwarnanlagen installiert werden – dies alles ist nicht strittig. Ginge es nur um Israel und Ägypten, stünde der Friede tatsächlich vor der Tür.

Er wäre indes nicht einmal die Hälfte wert, bliebe es dabei und gelänge nicht, zumindest in Ansätzen, eine Übereinkunft über die Inhalte der zweiten Rahmenvereinbarungen von Camp David, über die Zukunft von Westjordanien und Gaza (wozu nach arabischer Lesart auch Jerusalem gehört) und das palästinensische Problem. Hier liegen zwischen den Auffassungen noch Welten. Zwar hat inzwischen Saudi-Arabien signalisiert, daß es seine "große Verweigerung" der Beschlüsse von Camp David aufgibt; in ihrem Gefolge deutete auch König Hussein an, daß er trotz seiner engen Bindungen an Syrien willens ist, unter bestimmten Bedingungen an dem Friedensprozeß teilzunehmen.