Wer soll die Welt verbessern, wenn es nicht die Menschen tun!" Der junge Mann legt seine Stirn in Kummerfalten. Er sieht aus wie viele andere auch, die sich zu Hunderten am vergangenen Wochenende in der Hamburger Markthalle eingefunden hatten: Zottelbart und schulterlange Haare, verwaschene Jeans und vergilbtes T-Shirt, den angestaubten Leinenbeutel über die Schulter und die gelb-rote Antiatomplakette. am second-hand-Parka. Seinen Händen ist anzusehen, daß sie Erdarbeit machen, er versteht auch etwas vom, Handwerk. Als er seinem Gesprächspartner eine ziemlich aufwendige, aber "ökologisch astreine", "autarke" Methode, ein Haus zu bauen, erklärt und dieser moniert, das sei aber zeitraubend, belehrt er ihn: "Mensch, das ist doch keine Zeitfrage, du mußt lernen, alternativ zu denken!"

Alternativ denken, alternativ handeln, alternativ leben, "Projekte machen", "Zielperspektiven entwickeln", "konkret was tun" – die Sprachfloskeln sind schon gestanzt –, das wollen sie alle, die aus ihren Landkommunen, Wohngemeinschaften und selbstverwalteten Kleinbetrieben nach Hamburg gereist waren. Eine Flut von Literatur haben sie mitgebracht – über "Bio-Energie" und "Öko-Diät", "Zen-Kochkunst" und Landkommunen – und eigene Produkte: Brot aus der Alternativbäckerei und selbstgesponnene Wolle.

"WWA – wir wollen’s anders!" heißt eine Zeitung von "Selbsthelfern". Der Name ist Motto für alle Alternativler, doch längst nicht alle teilen die trotzige Auffassung der Zeitungsmacher: "Wir halten den Nachweis, daß es möglich ist, selbstverwaltet zu arbeiten und zu leben, an und für sich schon als politisch." Viele bezweifeln nämlich, ob ihre selbstlose Plackerei um das alternative Leben auch Breitenwirkung haben könnte: "Leben wir nicht nur in Nischen, ist das, was wir tun, nicht nur ein Entrinnen aus den Zwängen, ohne damit wirklich die Gesellschaft zu verändern?"

Ein anderer Alternativler will offenbar die ganze kleine Bewegung in tiefe Selbstzweifel stürzen. Dem vollbesetzten Auditorium schleudert er die Frage entgegen: "Was ist ein alternatives Produkt, was ist alternative Arbeit, was ist überhaupt alternativ?"

"Richtig", meint ein Zuhörer, der zu einer Landkommune gehört, alles müsse "ausdiskutiert" werden – Theorie und Praxis, Anspruch und Wirklichkeit. Deutsche Gründlichkeit. Da haben es die amerikanischen Gäste dieser Veranstaltung schwer, Sympathie zu finden. Sie kommen von der "Farm" aus Tennessee, die mit 1200 Mitgliedern die größte Kommune in den Vereinigten Staaten ist. Nabelschau und langatmige Theoriediskussionen sind ihnen fremd. Nicht die reine Lehre, sondern eher die Siedlermentalität ihrer Vorfahren und zupackender Pragmatismus haben die Farm zu einem erfolgreichen alternativen Unternehmen gemacht: Sie ist nicht nur in der Lage, sich vollständig selbst zu versorgen, sondern erzielt aus dem Verkauf ihrer landwirtschaftlichen Produkte auch noch Gewinn, mit dem sie Entwicklungshilfe in Guatemala und Mexiko betreibt. Ihr "spiritual leader" Steven Gaskin und eine von allen geteilte Religiosität garantieren die Stabilität der großen Kommune.

Das alles macht sie in den Augen ihrer deutschen Genossen äußerst suspekt. Diese wittern "autoritäre Strukturen". Warum redet hauptsächlich Steven, warum steht kein richtiges Kollektiv vorn auf dem Podium, "um uns zur Selbstorganisation anzuturnen?" Warum sind sie überhaupt gekommen? Die Amerikaner sind betroffen von soviel Aggressivität, sie kommen nicht dazu, ihren Erfahrungsschatz auszubreiten. Nur Musik dürfen sie noch machen, obwohl die Art, wie die "Tennessee Farm Band" spielt, dem Publikum eigentlich auch nicht paßt. Sie verwenden nämlich enorme Verstärker, "Großtechnologie", schimpft einer, "das ist doch nicht alternativ!" Aber immerhin selbst gebaut. Bis zwei Uhr morgens toben sie sich aus nach dem ohrenbetäubenden Rock-Lärm und vergessen für ein paar Stunden die bekümmerte Feststellung eines Alternativlers: "Der alternative Betrieb fällt nicht vom Himmel." Margrit Gerste