/ Von Marion Rollin

Ich bin an der Elbe geboren und aufgewachsen. Die Schiffsregister interessierten mich damals mehr als unsere Schullektüre. Wie häufig schwenkten wir und Dutzende anderer Elbanlieger Handtücher und Bettlaken zum Gruß für Besatzungen und Passagiere. Heute wohne ich wieder an der Elbe. Der Blick ist derselbe geblieben, das Bild hat sich gewandelt. Die Schiffe sind fünfmal so groß geworden, gigantische Container, kantig und häßlich. Das Winken haben wir aufgegeben, denn niemand steht mehr an Deck, der zurückwirken würde. Meine Kinder fragen mich nach den Matrosen, nach der Mannschaft, nach dem Seemannsleben an Bord, das sie aus Liedern und Erzählungen kennen. Sie machen mich neugierig. Was spielt sich eigentlich auf den Containern ab? Wo liegt der Reiz, der (immerhin noch) 30 000 Seeleute an Bord der deutschen Schiffe lockt?

Ich melde mich auf einem der großen Hapag-Lloyd-Container-Schiffe der dritten Generation an. Morgens um neun Uhr bin ich im Freihafen. Vor mir liegt die "Hongkong-Express": ein gewaltiger Kasten, 50 000 BRT, 50 Meter hoch, fast 300 Meter lang. 72 Stufen steige ich die Gangway hinauf. Unterwegs begegnet mir ein Matrose mit seinem Koffer in der Hand. Grußlos und ohne einen Blick zurück verschwindet er nach sechs Monaten Fahrt auf der "Hongkong-Express" im Hafen. Nach sechs Wochen Landurlaub wird er auf irgendeinem anderen Schiff neu anfangen und wohl keinen aus seiner Mannschaft jemals wiedersehen. Die Crew wird immer wieder neu zusammengewürfelt.

Inzwischen bin ich auf dem Hauptdeck angekommen. Vor mir türmen sich fünf weitere Geschosse Deckshaus auf. Irgendwo dort soll ich den Kapitän treffen. Ich lande in einem Fahrstuhl und verliere die Orientierung. Endlich treffe ich einen Steward, der mich zum Kapitän in den Salon führt.

Der Kapitän ist ein Mann von Mitte vierzig, in Lederjacke, ohne Bart, eher blaß als wettergebräunt. Er ist hier in Hamburg zugestiegen und noch nie auf diesem Schiff gefahren. "Aber das macht nichts, diese Schiffe sind sich alle ähnlich. Da kenne ich mich schnell aus." Er wird das Schiff während der nächsten vier Monate führen. Kein Ärmelstreifen zeigt an, wie umfassend seine Verantwortung an Bord ist: Er verwaltet allein mehr als 200 Millionen Mark, wenn man den Wert des Schiffes und den der Ladung zusammenrechnet. Ihm unterstehen 31 Mann Besatzung und der Betrieb einer eigenen kleinen Schiffsstadt, die sich völlig autark versorgt: von der eigenen Frischwasserproduktion bis hin zur ausgebildeten Feuerwehr.

Das Palaverdeck bleibt leer

Der Kapitän scheint mit seinem Leben zufrieden zu sein. Warum er zur See fahre, frage ich ihn. "Ich bin in Cuxhaven geboren, und da gehörte es einfach dazu. Als Decksjunge fing ich damals an, seitdem hat sich eigentlich nichts verschlechtert. Im Gegenteil: Man kann auf diesen großen Schiffen viel mehr anfangen als früher. Auch der Mannschaft geht es besser. Sie verdienen da mehr als früher, haben längeren Urlaub, arbeiten weniger, können ihre Ehefrauen mit an Bord nehmen, haben alle ihre Einzelkammern mit so viel Komfort, daß sie da abends gar nicht mehr raus wollen. Die Schlüssel zu den Hobbyräumen verstauben."