Von Fritz J. Raddatz

Wichtig und enttäuschend zugleich: Wer in diese Ausstellung geht in der hedonistischen Wandelerwartung, an schönen und bedeutenden Bildern entlangschlendern zu können, da und dort graphisch oder kompositorisch Kulinarisches genießen zu können, der wird enttäuscht. Das ist, auf paradoxe Weise, das Wichtige dieser Ausstellung – sie ist nämlich Dokument.

Gelungen ist eine vielblättrige Vorführung, wie die Eisdecke eines totalitären Regimes Phantasie, Formgefühl und Kreativität vernichtet. Wer aufmerksam an den hervorragend, so knapp wie eindringlich erläuterten Stellwänden entlanggeht, dem wird selber zunehmend kalt. Ich habe junge Leute, die dort in Scharen ihren nicht stattgefundenen. Geschichtsunterricht nachholen. Beobachtet, wie sie in den absurden klebrigen Platituden der Nazi-Kunstpropaganda und wie sie binnen kurzem, nach anfänglich mokantem Lachen, gleichsam erstarrten. Schon das wäre Erfolg genug.

Noch selten hat man so eindringlich ad oculos demonstriert bekommen, wie das Unsagbare, Schwerdefinierbare, Flimmernde, das Kunst nun einmal ausmacht, zerstört wird. Künstler, die versuchten, in Nazi-Deutschland weiter, zu malen, eine Flucht in die Landschaft, ins unverbindliche Porträt oder in bedeutungslose Abstraktion antraten, haben sich evident zur Einebnung, vor allen Dingen Verharmlosung ihrer eigenen Mittel verurteilt. Ein Satz wie der von Oskar Schlemmer aus seinem Brief an den Nazi-Kunstwart Graf Baudissin bannt das auf schneidende Weise: "Die Kunst dient – ja, in einem letzten, höchsten Sinn, nicht in einem ersten. Nehmen Sie der Kunst ihre Freiheitsrechte und sie stirbt tatsächlich."

Und gerade das Schicksal von Oskar Schlemmer, dem heute nicht nur hoch gefeierten Bauhaus-Maler, sondern auch zu Höchstpreisen Gehandelten, der auf erbärmlichste Weise um Lebensinhalt wie Lebensunterhalt gebracht wurde, ist erschütternd. Heute wohl kaum noch vorstellbar, daß Oskar Schlemmer nicht wußte, wovon leben, daß er schließlich Tarnanstriche machen mußte und in seinem Tagebuch notierte: "Während die Phantasie sich aufbäumen will in Kühnheit und Wagnis, zwingt mich ein anderes ins Dunkel zu treten, und in einem fast undurchsichtigen Schleier das zu verhüllen, was mich wirklich bewegt."

Zwischen Widerstand und Anpassung: ein Zickzackweg, eine Schlingerlinie, die die Hand bedeutender Künstler, ob Klee, Schlichter oder Otto Dix, bis zur Banalität undeutlich machte. Otto Dix zitiert in einer Eintragung des Malers Wolgemut Bildinschrift: "Schri o Kunst und klag Dich sehr Din begehrt jetzt niemand mehr..." aber seine eigene Kunst.schrie kaum mehr, wurde gar gefällig bis zur harmlosen Winterlandschaft. Eben dieser Versuch zur Anpassung, zum Untertauchen, ist das Erbarmungsloseste, das man Kunst antun kann. Mag sein, daß man den "Faust" großartig inszenieren oder die Neunte glorios dirigieren kann: Schöpferisch kann man unter dieser inneren wie äußeren Pression nicht sein. Man kennt das aus der Literatur – die Schubladen waren leer, 1945. Und so leer blieben die Bilder, an denen die Maler sich, versuchten. Mit so wenigen Ausnahmen wie einigen Blättern der qualvoll unter Überwachung, Verbot und Verfolgung leidenden Käthe Kollwitz oder den gegen Kriegsende wieder zu expressiver Stärke sich zusammenballenden prophetischen Untergangsbildern von Otto Dix.

Was hier denen geschah, die einmal ihre Nation vielleicht nicht repräsentierten, aber doch interpretierten, die Wildheit, Aufbegehren, Schmerz und auch Demut zu formulieren wußten und dann von Säbelrasslern und Schaftstiefelträgern im nicht einmal mehr Kasinoton hinwegkommandiert wurden: das ist nationale Schmach, die heute noch brennt. Damit trägt die wichtige und unbedingt sehenswerte Ausstellung Steine zum Mosaik deutscher Geschichte bei, wenn man Geschichte auch als das begreift, was heute und hier geschieht. Der Katalog faßt das auf nahezu bestürzende Weise zusammen: "Was von einem verlangt wurde, war viel und wenig zugleich. Man mußte lebensfähig und physisch stets verfügbar sein, man durfte sich nicht, unerlaubt entfernen‘. Wenn es gefordert wurde, mußte man Strapazen ertragen und den Kopf hinhalten. Auf Vorteile mußte man, wenn man anständig bleiben wollte, in jedem Fall verzichten können. Wer im NS-Staat mitmachte, sei es als militärischer Ehrgeizling, sei es in oder außerhalb der Partei, wer Hymnen auf Hitler dichtete, weil er sich davon etwas versprach, wer hetzte, Minderheiten- und Rassendiskriminierung betrieb: der trägt unabweisbar die Verantwortung der Teilhaberschaft. Denn wer sich zu Hitler bekannte, tat es willentlich." (Akademie der Künste bis 29. Oktober, Katalog 20 Mark.)