Kassel

Den Ausbildungsreferenten der evangelischen Landeskirche von Kurhessen und Waldeck (Kassel) plagt das Triebleben seiner Theologiestudenten. Und seit Monaten wird in der nordhessischen Landeskirche über den Beischlaf theologisiert. Auslöser dieser Erregung ist ein Brief von Oberlandeskirchenrat Löwe, den dieser zu Weihnachten seinen Studenten bescherte. Darin entsinnt sich Löwe der Zeiten, da er selber noch ein skeptischer Student war. "Später haben sich die Dinge wieder, zurechtgerückt, ist Vernunft nachgewachsen."

Löwes nachgewachsene Vernunft offenbarte ihm, daß etliche seiner Studenten in eheähnlichen Verhältnissen leben. "Ich weiß", gesteht er ihnen zu, "Sie haben diese Lebensform nicht erfunden, sondern atmen nur nach, was vor Ihnen gang und gäbe ist. Aber kann das für einen Theologen schon eine Erklärung sein, so zu leben wie Herr Jedermann?"

Herr Jedermann mag zwar als Kirchensteuerzahler aller Ehren wert sein, als Keuschheitsmodell taugt er wenig. Einen zukünftigen Pfarrer erwartet ein entsagungsreiches Leben: Wer mit seiner Sexualität nicht umzugehen lernt, sondern so rasch wie möglich Befriedigung sucht, wird den Belastungen und Verzichten eines Pfarrerlebens kaum gewachsen sein."

Soweit die Weihnachtsbescherung aus der landeskirchlichen Hauptstadt Kassel. Seitdem hält die Erregung der Theologiestudenten Nordhessens an. Triebabfuhr verschafften sie sich zunächst in Flugblättern. "Klerikalkastrat" war die häßlichste Beschimpfung. Doch der Ausbildungsreferent fand auch Zustimmung. Im Informationsblatt der Theologiestudenten meldete sich ein 33jähriger Student, verheiratet, "in Kürze drei Kinder". Vor zehn Jahren habe er ein Mädchen kennengelernt und fast jeden Tag mit ihr geschlafen. "Das lenkte mich sehr vom Studium ab." Doch eines Tages, nachdem ihm die Gespielin weggelaufen war, sprach ein Bibelwort zu ihm. "Ich erhielt nie gekannten Frieden."

Doch der Student beichtet, daß auch er vom Trieb immer noch angefochten werde. Er lebt während des Semesters von seinem ihm angetrauten Sexualpartner getrennt, sieht Weib und Kinder nur am Wochenende. Sein Trost an die Kommilitonen: "... das dürft ihr mir ruhig glauben, daß Jesus da die Hilfe ist."

So kämpfen die Theologiestudenten von Kurhessen-Waldeck nun seit Monaten gegen Geschlechtsverkehr und alle Triebregungen mit theologischen Waffen an. Das unterscheidet sie tatsächlich von Herrn Jedermann. Doch besorgt stellt ein Student fest, daß eine der ersten göttlichen Anweisungen im Alten Testament befiehlt: "Seid fruchtbar und mehret euch!"