Das Salt-II-Abkommen steigert die Bedrohung durch sowjetische Raketen

Von Lothar Ruehl

Zwei Jahre nach Präsident Carters Einzug ins Weiße Haus, nach mehr als fünf Jahren zähen Verhandelns, scheint eine Übereinkunft zwischen Moskau und Washington über die umfassende Begrenzung der strategischen Rüstungen beider Weltmächte unterschriftsreif zu sein. Zwar hatte dieser Eindruck in der Vergangenheit wiederholt getrogen, zwar hatten schon Henry Kissinger und nach ihm Paul Warnke als amerikanische Hauptunterhändler einen bevorstehenden erfolgreichen Abschluß vorhergesagt, ohne daß sich die Ankündigung dann bestätigte – doch dieses Mal, so versichern die Beteiligten, muß es Ernst werden.

Für Carter wäre der Abschluß von Salt II ein großer außenpolitischer Erfolg, obwohl noch nicht sicher ist, daß er im Senat die notwendige Zweidrittelmehrheit für das Abkommen finden wird. Die Opposition hat sich dort schon formiert. Indes scheinen die Chancen für eine Zustimmung zu wachsen. Sie würden noch größer, wenn dem Präsidenten die Durchsetzung des von ihm vermittelten Sonderfriedens zwischen Ägypten und Israel gelänge.

Nachteil für den Westen

Für Westeuropa wird dann eine Zeit der Prüfungen beginnen. Denn der Preis dieses zweiten amerikanisch-russischen Abkommens wird zu einem guten Teil in Europa zu zahlen sein. Der für die Europäer wichtigste Aspekt des Salt-II-Abkommens ist seine Begrenzung auf Waffen mit einer Reichweite über 5500 Kilometer, im amerikanisch-sowjetischen Verhältnis "strategisch" genannt. Unterhalb dieser Reichweitenbegrenzung bleiben alle nuklearen Waffen frei und damit insbesondere auch die sowjetischen Mittelstrecken-Angriffswaffen wie die modernen SS-20-Raketen und die neuen Langstreckenbomber des Typs Backfire.

Im amerikanischen Arsenal stehen keine vergleichbaren Waffensysteme. Die USA haben seit den sechziger Jahren auch keine neuen Mittelstreckenraketen mehr entwickelt, so daß auf diesem Gebiet eine Disparität zugunsten der Sowjetunion entstanden ist. Sie wirkt sich auf alle Länder in der Reichweite dieser sowjetischen Mittelstreckensysteme aus: also auf Westeuropa, Nordafrika, China, Japan, Indien und den gesamten Mittleren Osten.