Ist das Schloß denn schon wiederaufgebaut?" so lautet stereotyp die erste Frage aller Warschau-Kenner. Ja, es steht wieder auf seinem alten Platz, am Eingang zur Altstadt. Noch allerdings verdecken Gerüste den roten Ziegelsteinbau, noch gleicht der Schloßplatz einer großen Baustelle. Im Juli soll laut offizieller Auskunft das Schloß eröffnet werden. Bislang ist nur in einem Seitenflügel die Königliche Bibliothek zugänglich. Doch hier gibt man sich weniger optimistisch: "In zwei Jahren wird wohl alles fertig sein." Welche Prognose richtiger ist, bleibt offen.

Die Altstadt erstrahlt bereits wieder im alten Glanz. Das Schloß schließt die letzte Lücke in der Rekonstruktion des historischen Warschau. Inmitten phantasieloser Neubauten der hektischen Großstadt gelegen, wirkt die Altstadt wie ein verträumtes Freilichtmuseum, zu dem nur Fußgänger und Pferdedroschken Zutritt haben. Die Warschauer hängen an ihrer "starówka", wie sie volkstümlich heißt.

Fremden gibt die Stadt ihre Schönheiten nur zögernd und fast widerwillig preis. Ihr Charme und ihre Vitalität offenbaren sich erst in ihren Menschen – ohne Freunde oder Bekannte fühlt sich der Tourist daher zunächst ein wenig hilflos. Doch in Polen ging noch kein Gast verloren, akzeptiert er nur der Polen recht legere Handhabung des Zeitbegriffes sowie gewisse Knappheiten in diesem jungen Touristikland.

Private Kontakte lassen sich überall anknüpfen, zwanglos und unkompliziert. Besonders in ihrer Hauptstadt geben sich die Polen weltoffen – nach Westen vor allem. Das drückt sich in dem Bemühen aus, dem Ausländer zumindest mit ein paar Brocken Deutsch oder Englisch entgegenzukommen. Ist man bei Polen zu Besuch, kennt ihre Gastfreundschaft keine Grenzen. Entgegenkommen und Herzlichkeit rühren auch daher, daß die Polen in ihrer wechselvollen Geschichte immer wieder Nachbarschaftshilfe praktizieren mußten. Und ohne die anderen kämen sie auch heute mit den Schwierigkeiten und Absurditäten, die ihnen der sozialistische Alltag aufgibt, nicht zurecht.

Zumindest von den Absurditäten bleibt auch der Tourist nicht verschont. Da gibt es zum Beispiel ein Reglement in den Schlössern, das zwischen Tagen für Gruppen- und Einzelbesuche unterscheidet. Ganz kurios geht es in Wilanów (mit dem einzigen Plakatmuseum der Welt) zu. Nächtigt gerade kein Staatschef in dem prächtigen Barockschloß, so ist von 10 bis 14.40 Uhr geöffnet. Es dürfen täglich aber nur 1200 Eintrittskarten verkauft werden. Bei schönem Wetter ist deshalb oft schon mittags Feierabend. – Oder Restaurants sind laut Aushang bis 22 Uhr geöffnet, doch eine Stunde vorher wird das letzte Essen serviert. – Da muß ein Ausländer für eine Nacht im Hotel. erheblich mehr auf den Tisch legen als ein Pole, auch wenn beide ein französisches Bett teilen. Und, und, und ... Jeder routinierte Polenfahrer könnte diese Liste mühelos verlängern.

Protestieren bewirkt jedoch nur verhärtete Mienen. Es empfiehlt sich, mit Nonchalance über diese Ungereimtheiten hinwegzugehen. Oder dezent ein Trinkgeld hinüberzuschicken, das bekanntlich im Ostblock viele Türen öffnet, so zum Beispiel beim Kontrolleur in Wilanów, im angeblich überfüllten Lokal, bei einer ausverkauften Vorstellung.

Aber die in Polen grassierende Trinkgeldsucht ist nur eine Art, sich das Geld für all die Dinge zu beschaffen, die das Leben schöner machen. Das Zauberwort, um zu Geld zu kommen, heißt "kombinować" – ein lukratives Geschäft austüfteln.