Von Günter Graffenberger

Stockholm, im Oktober

Der Sturz der schwedischen Sozialdemokraten im Jahre 1976 – nach vierundzwanzig Jahren ununterbrochener Regierungsführung – vollzog sich sensationell über Nacht, der Rücktritt der bürgerlichen Drei-Parteien-Regierung Fälldin hingegen auf Raten. Das Volk empfand ihn als eine Erlösung: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Die Schlagzeilen der hiesigen Abendzeitungen hatten den Regierungschef in den letzten vierzehn Tagen dieser politischen Agonie mehr als einmal dazu aufgefordert, ja oder nein zur Kernkraft zu sagen, dem qualvollen Warten der Bevölkerung ein Ende zu machen und nicht länger auf einem "Jein" zu verharren. Aber noch in den Todeszuckungen der Regierung war Thorbjörn. Fälldin seiner persönlichen Variante der Hamlet-Rolle treu geblieben: Sein und Nichtsein.

Seit dem Ende schwedischer Großmachtträume im frühen 18. Jahrhundert haben es viele Politiker dieses Landes angestrebt, die eigene Haltung nach keiner Seite hin festzulegen. Und dies ist auch die Ursache für den Zerfall der ersten bürgerlichen Regierungskoalition seit über einer Generation. Bei Fälldin wurde diese Scheu vor einer Festlegung bereits deutlich, als er vor zwei Jahren in der Wahlnacht nicht einmal vor das Mikrophon treten wollte, weil er noch immer nicht glauben konnte, daß er die Wahl überhaupt gewonnen hatte.

Fälldin, dieser 1,88 Meter große Mann, ist langsam zerfallen – in Zeitlupe. Die aufreibenden Verhandlungen mit seinen Partnern von der liberalen und von der konservativen Partei, die sich in Schweden moderat "Sammlungspartei" nennt und politisch dort beheimatet ist, wo in Deutschland die SPD zu finden ist, waren ein unwürdiges Feilschen. Einmal ging es um die Frage, wie viele Berglöcher denn nun in den schwedischen Granit gebohrt werden sollten, um jene hundertprozentige Dichte für den Atommüll zu finden, auf die sich Fälldin versteift hatte. Zum anderen handelte es sich darum, ob die vier weiteren Kernkraftwerke, die teils fertiggestellt sind, teils noch gebaut werden, ihren Betrieb aufnehmen sollten. Das Thema Volksbefragung gewann dadurch kaum an Glaubwürdigkeit.

Der Riß ging quer durch die Koalition – nicht erst seit heute, sondern im Grunde schon seit dem Wahlkampf im Jabre 1976. "Wie soll man mit einem Partner, wie der bäuerlichen Zentrumspartei, in der für den hochentwickelten Industriestaat so wichtigen Kernkraftproblematik überhaupt zusammen regieren?", wollte der sozialdemokratische Oppositionsführer Olof Palme wissen. Heute lautet die Frage: Ist eine bürgerliche Regierung in diesem traditionell sozialdemokratischen Lande überhaupt möglich? Ist sie nicht zum Scheitern verurteilt?