Von Karl-Heinz Janßen

Hamburg, im Oktober

Noch nie hatte ein Bundeskanzler den Deutschen Historikertag mit seinem Besuch geehrt. Helmut Schmidt war der erste. Nicht alle Mitglieder des Historikerverbandes billigten die Einladung an den sozialdemokratischen Regierungschef – sie befürchten insgeheim eine Politisierung ihrer Organisation. Aber solche Stimmen des Unmuts blieben Vereinzelt. Der Beifall im überfüllten Saal des Hamburger Congress Centrums zeigte an, daß die Historiker und Geschichtslehrer Geste und Zuspruch des Kanzlers richtig einschätzten. Daß er einmal Ludwig XVI. mit Ludwig XVIII. verwechselte, quittierten sie mit heiterer Nachsicht. Denn Helmut Schmidts kluge Rede, an die er achtstündige Müh’ verwandt hatte, sein Plädoyer für Toleranz und Meinungsvielfalt, gaben diesem eher bläßlichen Wissenschaftskongreß überhaupt erst Glanz und Resonanz.

Es war an der Zeit, daß ein Staatsmann die Forscher und Lehrer von dem bis zum Überdruß erhobenen Pauschalvorwurf freisprach, sie hätten die Misere des Geschichtsbewußtseins und den erschreckenden Mangel an Geschichtskenntnissen verursacht. In den letzten Jahren hatte sich bei den Politikern die Unsitte eingebürgert, nach jedwedem antisemitischen Zwischenfall, nach neonazistischen Krawallen oder linksterroristischen Gewaltakten die Schulen oder, ersatzweise, die ministeriellen Verfasser der Rahmenrichtlinien und Lehrpläne anzuklagen.

Von diesen Kritikern wird die Schule schlicht überfordert. Sie kann unmöglich allen Schülern ein enzyklopädisches Geschichtswissen vermitteln. Allenfalls "Ahnung und Wißbegierde" (H. Schmidt) wecken. fürs Geschichtsbewußtsein ist sie nicht allein zuständig. Die Kenntnis über das Dritte Reich, die Beurteilung jenes verbrecherischen Gewaltregimes hängen auch und viel mehr davon ab, was die Kinder im Elternhaus, in ihrer Alltagswelt, durch die Medien und auch durch die Haltung unserer Parteien und politischen Gruppen an historischen Erkenntnissen mitbekommen. Ohnehin ist das Lamentieren über den unzulänglichen Geschichtsunterricht nicht neu. Schon Zu Zeiten Kaiser Wilhelms des Zweiten beklagten. die Professoren, wie wenig ihre Studenten an. Vorwissen mitbrachten – selbst über Bismarcks Reichsgründung wüßten sie kaum Bescheid.

Bei aller berechtigten oder auch durch Eigeninteresse gebotenen Resignation und Skepsis unter den Historikern – zumindest an den Schulen ist die Krise der Historie aufgehalten, worden (siehe Dokumentation). "Der Abbau von Unterricht in Geschichte ist vorbei", verkündete Studiendirektor Siegfried Grassmann im Namen der Geschichtslehrer. Professor Gerhard A. Richter der rührige Vorsitzende des Historikerver-

bandes, eröffnete seinen Festvortrag mit der frohgemuten Feststellung, man könne sich über mangelndes Interesse der Öffentlichkeit an der Geschichte nicht länger beklagen. Aber hier ist es ähnlich wie mit der chinesischen Kulturrevolution; Was in vielen Jahren, des reformerischen und revolutionären Auf und Ab an Hochschulen und Gymnasien versäumt oder verbockt wurde, läßt sich nun nicht von heute auf morgen aufholen oder reparieren. Noch auf Jahre hinaus werden die Folgen der Geschichtsfeindlichkeit zu spüren sein, werden die Professoren in den Anfangssemestern auf Studenten stoßen, die nicht mehr wissen, wer Bismarck war, es auch gar nicht wissen wollen.