Den Kardinälen muß die Wahl des neuen Papstes schwerfallen

Von Hansjakob Stehle

Rom, im Oktober

Die Fenster dürfen diesmal geöffnet werden – so haben die Kardinäle, das Kurfürstenkolleg der katholischen Kirche beschlossen. Symbol einer Erleuchtung oder bloß eine Erleichterung, die sich diese 112 frommen Männer für ihre strenge Wahlklausur, das Konklave, gewähren? Wenn sie sich am 14. Oktober des Drei-Päpste-Jahres 1978 zum zweitenmal hinter verschlossenen und versiegelten Türen des Vatikanpalastes versammeln, dann gewiß nicht nur mit der Erinnerung an die dumpfe Augustschwüle des ersten Konklave. Ihre schnelle Entscheidung für Johannes Paul I. hatte ihnen rasch ein Aufatmen erlaubt. Die frische Luft, die dieser Papst ungefiltert und kaum temperiert in seinen wenigen Regierungswochen eingelassen hatte – ohne Rücksicht auch auf sich selbst – ist noch unverbraucht. Doch eine Kirche wie die römische ist kein Bürohaus, ihr Oberhaupt kein Personalchef, der durch gutes Betriebsklima die Ertragschancen schon erhöht.

Ungeheurer Anspruch

Wie eh und je seit Jahrhunderten wird ein Mann gesucht, der einen – "menschlich betrachtet" – ungeheuren Anspruch verkörpern soll: Christi Stellvertreter auf Erden, ausgestattet mit geradezu göttlicher Unfehlbarkeit, wenn er Glaubens- und Sittenfragen von seinem Lehrstuhl spricht, ja, mit Befehls- und Entscheidungsvollmachten, die den Gehorsam der Gläubigen an ihr ewiges Seelenheil knüpfen. Der machtpolitische Niedergang des Papsttums seit dem Mittelalter, besiegelt im Verlust des Kirchenstaates (1870), ist zwar vielfältig kompensiert worden. Nicht allein durch die umstrittene Dogmatisierung der "Unfehlbarkeit", viel mehr durch den wachsenden moralischen Respekt, den sich die Päpste – auch jene, die irrten oder schwiegen – im 20. Jahrhundert verschaffen konnten.

Ihre Fähigkeit zur vorsichtigen Anpassung (der die römische Kirche immer schon ihre Überlebensfähigkeit verdankte), vor allem aber zur Reform und zur Selbstbefragung, hat zumal seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil das Image des Papsttums sogar in den Augen von Antiklerikalen und Atheisten mit einer milden Aura antiquarischen Wertes umgeben. Dennoch wird jedem neuen Papst, auch wenn er noch so diskret und bescheiden auf die dreifache Krone verzichtet, das ganze historisch gewachsene, theologisch und kirchenrechtlich untermauerte Amtsgerüst auf die Schultern gewälzt. Noch immer bedeutet Papst-sein die Ausübung eines Primats, an dem sich trotz, aller ökumenisch-brüderlichen Dialogbereitschaft die Andersgläubigen stoßen, der eigene Intellekt eines redlichen Pontifex reiben muß – falls es ihm nicht gegeben ist, die Spannung zwischen dem Amtsbewußtsein und dem Selbstbewußtsein aufzulösen.