ARD, Samstag, 14. Oktober, 22.05 Uhr: "Monsieur Klein", von Joseph Losey.

Das Thema von ‚M. Klein‘ schrieb Losey in seinen Arbeitsnotizen zum Film ‚1976, "ist die Gleichgültigkeit, die Unmenschlichkeit des Menschen gegenüber dem Menschen. Genauer gesagt, handelt der Film von der Unmenschlichkeit der französischen Bevölkerung gegenüber einigen ihrer Mitglieder. Dies ist kein Film über die bösen Teutonen." Dennoch war die Reaktion der Kritik in Cannes von ratloser Verstörung: In den Augen der Franzosen hatte hier ein Ausländer mit dem Thema der Kollaboration (das dokumentarisch schon Marcel Ophuls aufgriff, mit gleichfalls frostiger Ablehnung) ein Tabu verletzt.

Losey greift, nach authentischen Berichten, Ereignisse auf, die sich in Paris vom 16. Januar bis zum 16. Juli 1942, dem Tag der berüchtigten Razzia auf alle Juden, abspielten. M. Klein wird von Alain Delon, der auch als Produzent zeichnet, mit einer seit Melvilles "Eiskaltem Engel" nicht mehr erreichten Beherrschung des nichtexpressiven Ausdrucks dargestellt. Delon dient hier weniger als dramatische Hauptfigur, sondern eher als ein Erzähler, der nach und nach in den Ereignissen, in die er forschend hineingerät, sich unentrinnbar festfrißt. Als Träger eines nicht sonderlich individuellen Namens, der jüdisch, der auch holländisch sein mag, geistert er durch sehr divergierende soziale Verhältnisse. Klein, der Kunsthändler und Mann von Welt, hat den Kältetod seiner Gefühle längst vor der Unmenschlichkeit der Besatzung erlitten. Seine Freunde (Michel Lonsdale, Juliet Berto, Jeanne Moreau) speist er mit maliziösen Unverbindlichkeiten ab. Er, der spielend über die Kultur von Adriaen van Ostade bis Chagall, von Longos bis Melville verfügt, scheint alles zu haben, bis auf eines: Identität, Sie wird ihm angetragen von einem Namensvetter, der, seinerseits Jude und Mitglied der Résistance, untertauchen muß, zuvor aber ein wertvolles Gemälde an Delon veräußert. Plötzlich wird Klein Nr. 1, für einen möglichen Juden gehalten. Befremdet geht er diesen Spuren nach.

Losey eröffnet den Film mit einer Szene unerhörter Brutalität – der medizinischen Untersuchung einer Frau, die ihrer mutmaßlichen rassischen Identität gilt. Das Resultat, so hört, sie den Arzt im Off der Schwester diktieren, sei vorläufig zweifelhaft. Dies ist die stärkste Irritation, die der Film auslöst: Die Opfer einem Zweifel auszuliefern und sie dann in die Ungewißheit zu entlassen. Losey totalisiert diese Zweifel. Die Kamera gleitet fast unmerklich auf Gummirädern, bleibt den Personen stets auf den Fersen. Ihre Perspektive ist die leichte Untersicht, viele Einstellungen scheinen aus der Hocke geschossen. Dieser Blickpunkt vergrößert die Objekte und verselbständigt die Gesten der Akteure. So bringt die Kamera Zweifel ins Bild und eröffnet den Blick auf den doppelten Boden.

Nie vergißt der Zuschauer, daß er in diesem Film als ein Zeuge vereidigt wird, der von diesem Panorama der Indifferenz ein eigenes Bild gewinnen muß. Losey multipliziert die Zweifel, indem er die historischen Ereignisse der Kollaboration ins unpolitische Handeln vorverlegt: schon ein Blick, ja ein vermiedener Blick kann schuldig werden in seiner Welt der schwankenden Ordnung, die er mit Spiegeln und allegorischen Rätseln verstellt. Klein Nr. 1 schaut zu, wie Klein Nr. 2 verhaftet wird, kurz bevor er ihn endlich aufspürt. Sein Protest: "Wir Franzosen sind zu zivilisiert, zu höflich und zu gleichgültig", wird ihm keinen Freispruch garantieren. Karsten Witte