Acht Stunden diskutierten 35 bildungspolitische Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft, aus Ministerien und Gewerkschaften, sowie Politiker in dem ehemaligen Kruppschen Herrensitz Villa Hügel in Essen über das Bildungssystem der Bundesrepublik. Der Einladende, der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, hatte das Gespräch unter das Motto gestellt: „Zwang zur Bildungspolitik – Mut zur Bildungspolitik“. Vom Zwang des Handelns wurde viel gesprochen, vom Mut war wenig zu spüren. Eher zeigten sich Hilf- und Ratlosigkeit, wie man denn aus der bildungspolitischen Sackgasse wieder herauskommen könnte. Ungeduldig forderte der Vorsitzende des Deutschen Wissenschaftsrates Professor Wilhelm Kewenig: „Wir brauchen nicht die vorsichtige Anpassung, sondern den Sprung.“ Es muß nicht gleich der große Sprung sein, es reichte schon, wenn der Zustand der Lähmung in der Bildungspolitik aufgehoben werden könnte. Das setzte aber voraus:

  • Die erstarrten Fronten zwischen den beiden bildungspolitischen Lagern – hie. die Sozial-Liberalen im Bündnis mit den Gewerkschaften und mit der Unterstützung einiger Wissenschaftler, dort die Christdemokraten im Bündnis mit großen Teilen der Wirtschaft und ebenfalls wissenschaftlicher Rückenstärkung – müssen sich auflockern.
  • Einmal begonnene Reformen sollten nicht nach kurzer Zeit abrupt abgebrochen werden, sei es aus politischer Opportunität, sei es, weil sich die Schwierigkeiten türmen. Erfolg oder Mißerfolg von Reformen lassen sich gerade im Bildungssystem frühestens nach zehn bis fünfzehn Jahren messen. Das schließt vorsichtige Korrekturen nicht aus.
  • Bildungspolitik muß für die Bürger, vor allem für die Hauptbetroffenen, Eltern und Jugendliche, wieder verständlich werden.

Vom Konsens war beim Villa-Hügel-Gespräch oft die Rede, doch die Fronten scheinen unverändert hart, auch wenn die Diskussion sachlich und ruhig verlief. Die Gegensätze wurden nicht deutlich postuliert, aber sie bestimmten meist versteckt hinter einer wissenschaftlich-technokratischen Fachsprache oder politischen Formel, das Gespräch.

Hat die Polarisierung einen Bezug zur Wirklichkeit? Oder sind die Gegensätze nur aufgebaut, weil sich die Schul- und Hochschulpolitik als Tummelplatz für gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen zu eignen scheint? Teilweise wirklichkeitsfremde Züge zeigte die Diskussion um die Hauptschule. Der schleswig-holsteinische Kultusminister Walter Braun will „einen neuen Hauptschultyp, eine eigenständige Schule“. Den Erhalt und den Ausbau der Hauptschule forderte auch der Direktor der Hoechst AG, Rudolf Amthauer: „Wenn man die Begabungs- und Entwicklungsunterschiede gebührend beachtet, wird die Hauptschule zu einer Schule der Zukunft.“ Die Eltern sehen das aber offensichtlich anders. Sie geben ihre Kinder lieber auf Realschulen, Gymnasien und Gesamtschulen. Die Zahl der Hauptschüler nimmt ständig ab. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Anton Pfeifer sagte voraus, daß in einigen Bundesländern bald nur noch 30 Prozent der Grundschüler auf die Hauptschule übergehen werden. Und er fügte hinzu: „Das ist auch positiv, weil das Bildungsbewußtsein der Eltern, gewachsen ist.“

Große Zukunftschancen wollte auch der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Erich Frister der Hauptschule nicht mehr geben, da „immer mehr Eltern ihre Kinder auf weiterführende Schulen schicken“. Frister warnte auch davor, daß sich die Isolierung, das Gettobewußtsein der Hauptschüler verstärke, weil „sie nicht mehr mit Kindern aus anderen sozialen Schichten lernen und damit das soziale Lernen nicht lernen“. Wenn aber in absehbarer Zeit die Mehrheit der Eltern die Hauptschule für ihre Kinder ablehnen, wie ist dann dieser Schultyp noch zu halten? Die Alternative zeigten nur zwei Teilnehmer des Gesprächs, Professor Jürgen Raschert von der Freien Universität Berlin und Gerd Köhler von der GEW auf: den Ausbau der Gesamtschulen. Darüber wurde jedoch kaum diskutiert. Die Vertreter der Wirtschaft und der schleswig-holsteinische Kultusminister versteiften sich auf die Hauptschule. Dies trug ihnen die Unmutsäußerung von Professor Wilhelm Kewenig ein: „Ihre Diskussion über die Hauptschule empfinde ich als eine Art Rührstück.“

In der Debatte über die berufliche Bildung waren sich alle einig, daß noch mehr getan werden müsse. Uneinigkeit bestand über die Ursachen der geringen Attraktivität und Vernachlässigung der beruflichen Bildung in der Vergangenheit. Der Bildungsexperte des Deutschen Industrie- und Handelstages, Dieter Erb, sprach von einer „totalen Fehleinschätzung dieses Bildungssektors“ in den vergangenen zehn Jahren. Die Bildungspolitiker hätten den pädagogischen, sozialen und ökonomischen Wert der beruflichen Bildung entweder übersehen oder bewußt verneint. Schuld daran ist nach Erb eine staatliche Reformpolitik, die eine auf Gymnasium, Abitur und Hochschule fixierte Bildungspolitik betrieben habe.

Sicherlich hat Erb recht, daß die berufliche Bildung jahrelang stiefmütterlich behandelt worden ist. Nur kann er das nicht allein den Bildungspolitikern anlasten. Der Meinung, die Fehlentwicklungen seien hauptsächlich auf politische Lenkung zurückzuführen, widersprach der Direktor des Münchner Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Burkhart Lutz, heftig: „Eltern und Schüler sind keine blinde Manövriermasse der Bildungspolitiker der einen oder anderen Seite.“