Ich rief Professor Hackethal am Sonnabend an. Wir verabredeten uns für Sonntag um zehn, und er sprach von der Talk-Show am Freitag, und daß man sich hinterher viel besser verstanden habe. Er fragte mich noch, welcher Jahrgang ich sei und meinte, ich gehörte auch zu den zwanzig Prozent der Männer ab fünfundvierzig, die einen Prostatakrebs haben könnten; er verspüre öfter ein Kribbeln und Jucken da unten, aber es lohne sich überhaupt nicht, daran zu denken.

„Was müssen unsere Jahrgänge nicht alles so mitschleppen“, sagte ich, „und schließlich ist man auf alles gefaßt. Mit zwei bekam ich schon eine Meningitis.“

„Aber ohne die Liebe und Wärme Ihrer Mutter hätte gar nichts; geklappt.“ – „Und wenn dieser Professor Kleinschmidt nicht gewesen wäre.“ – „Kleinschmidt war ein ehrlicher Arzt und ein genialer Forscher.“ – „Ich durfte auch in meinem Bett bleiben, und das Honorar konnte mein Vater abstottern.“ – „Das ist ja ein idealer Ausgangspunkt für unser Spazierganggespräch.“

Professor Hackethal sagte dann, daß er mit seiner fünfjährigen Enkelin in vier Tagen nach Jamaika fliege, er wolle einmal sehen, ob Opa ihr das Heimweh nehmen könne; die Reise ginge zu einer Patientin und deren Mann, die er vor einer Brustoperation bewahrt habe, der Knoten dort bilde sich immer weiter zurück.

Am Sonntagmorgen um halb neun rief Professor Hackethal an und sagte, daß man ihn gegen zwölf dringend in Hamburg erwarte, und wir könnten doch vorher kurz an der Alster Spazierengehen und nachher dafür um so länger bei ihm in Lauenburg an der Elbe. Ich sagte: „Hier gegenüber ist der Isebek-Kanal, am Ufer sind Sträucher und Bänke, auf einer Seite dahinter hat man eingefriedete Blumenbeete, und man sieht auch ein Krankenhaus.“ ,

Vierzig Minuten später war er da und sagte: „Bitte nennen Sie mich Julius.“ Er setzte sich vor meinen Schreibtisch, und ich zeigte auf den Kanal Und faßte zusammen, was ihn von anderen Großstadt-Kanälen unterscheidet. „Seit gestern abend weiß ich, was ein Essay ist“, sagte Julius Hackethal, „und ob man der oder das Essay sagt, und wie man einen Tisch deckt. Meine Frau deckt eben den Tisch – und fertig, aber die Dame des Hauses gestern abend gibt sich damit nicht zufrieden, da spricht jede Handbewegung beim Decken, verstehen Sie, wie ich das meine?“

„Es sind erst mal die Hände“, sagte ich, „aber die Augen sprechen ja auch mit, beide schaffen Bereiche, und man möchte das Essen noch hinauszögern.“

„Genau, und dabei fragte ich mich plötzlich, was Seele ist. Das hatte ich bisher immer nur stümperhaft definiert. Jetzt weiß ich es aber: Seele ist Fühlen mal Können!“

Julius Hackethal ließ den Mund offen. „Das klingt ja wie ein Kommando“, sagte ich. „Nein, das mußte nur schnell raus, Sie sind der erste, dem ich das sage, und nach meiner neuen Definition werde ich mich in Zukunft richten.“ Sein schneeweißes Halstuch saß fest über dem Rand des schwarzen Sporthemds, der Anzug hatte ein Pfeffer-und-Salz-Muster, und das Gesicht war rosa und glatt, nur unter den Augen waren schwache, kringelige Falten.

„Wissen Sie“, Julius Hackethal machte vier Schritte vor und drehte sich dann um, „ich habe meine Frau erzogen. Sie ist ein pflichtbewußter Mensch und immer adrett. Am liebsten bügelt sie, und sie kocht auch ein, doch ohne Raffinesse. In den letzten Jahren liest sie aber schon mehr. Nach dem Erfolg meines ersten Buches ‚Auf Messers Schneide‘ kam es zu Spannungen. Und wie sie meine Mutter und mich quälte. Das war reine Eifersucht. Es genügt ja nicht, wenn ich sage, wie ich an meiner Mutter hänge. Das ist viel mehr. Sie liegt mit Lungenkrebs auf meiner Station in der ‚Diana-Klinik‘ in Bevensen. Ich habe so laut gelacht, als ich ihr sagte, was sie hat, daß sie glaubte, es sei ein Witz. Mehr sagte ich nicht, und seitdem geht es ihr wieder viel besser.“

Julius Hackethal zog mich am Arm. Wir gingen auf und ab, und jedesmal vier Schritte. „Das ist unser erster Spaziergang heute“, sagte er, „wer macht das schon so wie wir, und vor dem Fenster sind Bäume, die Blumenbeete drüben sieht man nicht, aber das Krankenhaus .. Und was ich noch sagen wollte: Meine Frau hält zu mir. Und wir haben drei Kinder, und zweiundvierzigmal ist etwas passiert, aber wir hatten dann letzten Endes, wie man so sagt, immer gerade noch Glück, Sie verstehen. Für Frauen gibt es nichts Besseres, als den Samen des Mannes aufzunehmen. Der Bauch gehört der Frau, sie entscheidet, und nicht der Gesetzgeber.“ Julius Hackethal suchte an der Wand nach Bildern von Frauen.

„Wie meine Kinder sind? Die älteste Tochter ist ein Kriegskind, sie arbeitet bei mir als Arzthelferin und hat ein Kind. Die zweite ist intelligent und impulsiv und oft verliebt; sie hat das Abitur und ist Stewardess geworden. Durch sie erhielt ich verbilligte Flugreisen und lernte die Welt kennen. Und mein Sohn war bis achtzehn so anschmiegsam und tierlieb. Aber dann brach er aus. Meine Kinder haben auch schon Dresche gekriegt, und den Jungen mußte ich mit einem Kinnhaken außer Gefecht setzen. Er wollte auf die Frauen losgehen, sie hatten ihn bis zur Weißglut gereizt. Er ist auch Steward bei der Lufthansa und hat seine Freundin geschwängert. Aber meine Kinder sind glücklich, und alle lieben mich, und für ihre Zukunft ist gesorgt.“

Es wurden auch sechs und sieben Schritte, immer hin und her. „Die Sieben; ist doch meine Glückszahl“, sagte Julius Hackethal, „aber jetzt sage ich mal hundert. Von hundert Ärzten verhalten sich hundert, falsch, einschließlich Hackethal ... Warum bleiben Sie denn stehen? Meinetwegen, also sagen wir mal zwanzig Ärzte praktizieren gewissenhaft und gut, aber bezogen auf die Schulmedizin. Der Rest besteht aus geldgierigen Idioten. Und ab sechzig operiere ich nicht mehr. Damit will ich ein Beispiel geben. Ich kann dann auch ohne OP genausogut meine Pflicht als Arzt und Forscher tun. Rede ich zu laut?“ – „Nein, aber Sie haben manchmal die Zähne zu dicht aufeinander, und deshalb zischen die Worte nur so heraus, oder Sie machen den Mund zu weit auf, und dann platzen sie raus“.

„Ich muß plakatieren, und das Schild an meiner Praxis: ‚Vorsicht Arzt‘ ist das Beste, was mir in den letzten Jahren eingefallen ist. Das müssen Sie verstehen. Ich muß immer auf mich aufpassen und andere warnen. Und es ist meine Schuld, wenn die Öffentlichkeit nur mangelhaft über meine Ansichten und Pläne informiert ist. Ich muß laut sein.“

„Aber in welchen Zeitungen und Magazinen waren Sie noch nicht, und die Öffentlichkeit hat ja auch Ihre Bücher.“ – „Jedes Buch ist besser geworden“, sagte Julius Hackethal und ging allein auf und ab. „In meinem zweiten, ‚Nachoperation‘, steht ja viel Unbewiesenes, da ist die ‚Sprechstunde‘ schon besser, und das neue ist am besten. Es wird in alle Sprachen übersetzt... Warum sagen Sie gerade jetzt, wie spät es ist?“

Ich sagte: „Es ist schon halb elf.“ Julius Hackethal ging auf mich zu. „Der Verleger wollte nicht, aber ich habe ihn erpreßt, und das neue Buch heißt doch: ‚Keine Angst vor dem Krebs‘. Und die Untertitel lauten: Kronzeuge Prostatakrebs – Gegen die schulmedizinische Rabiatstrategie bei Krebs – Eine wissenschaftliche Studie, aufbereitet für Patienten mit einem Programm für behutsame und fürsorgliche Krebshilfe’ ... Ich habe etwa eintausend Prostataoperationen vorgenommen. 1975 starben 7326 Männer an Prostatakrebs. Und wie sind die Zahlen des stummen Prostatakrebses? 33 Prozent der Männer zwischen 45 und 100 Jahren leiden daran und leben. Das ist der Haustierkrebs. Ich unterscheide zwischen Haustier- und Raubtierkrebs. Ich will meine eigenen Vokabeln, und wenn sie wie Kommandos klingen, Hauptsache, sie sitzen.“

Julius Hackethal blieb vor mir stehen, und ich gab ihm wieder, eine Zigarette. „Verstehen Sie nun, daß nach meiner Rechnung der Prostatakrebs harmloser ist als Schnupfen? In meinem neuen Buch veröffentliche ich sieben Fallstudien, die sieben ist ja meine Glückszahl. Ich berichte über sieben Patienten von mir. Zwei Jahre habe ich an dem Buch gearbeitet, davon drei Monate 14 Stunden am Tag, und 2000 Publikationen standen mir zur Verfügung, und ein Abiturient, nein, ein Medizinstudent, ein Freund von mir, half sichten.“

Sein Gesicht war rosa geblieben. Ich sagte: „Auch wenn Sie aufgeregt sind, schießt Ihnen das Blut nicht in den Kopf.“ – „Ich bin kerngesund, aber es kribbelt und juckt, wie gesagt, öfter da unten... Und die Liebe ist so wichtig, die innige Berührung, die Liebe zwischen Männern und Frauen, oder zwischen Männern und zwischen Frauen. Und das wirkt prophylaktisch, ob nun beim Brust- oder Prostatakrebs: Hingabe und Zärtlichkeit... Ich möchte im Bett gestreichelt werden... Und wenn man mir Komplimente macht, werde ich weich.“ Julius Hacketahl biß die Zähne zusammen und lief die Treppen hinunter.

Um zwei sprang Professor Hackethal vor seinem Haus in der Lauenburger Albinusstraße 26 aus dem Wagen. In dem achteckigen Vorraum war die Leiche des Erstbesitzers, des Juristen Albinus, aufgebahrt gewesen. „Das war auch ein eigenwilliger und reformfreudiger Mann“, sagte Professor Hackethal, „ihm verdankt Lauenburg eine weiterführende Schule. Seine Gebeine vermute ich hier ganz in der Nähe.“ Hohe Fenster im Parterre, man sieht vom Teppich aus die Elbe, Räume zum Durchatmen, wo man aber nicht länger still sein kann, dann Bade- und Waschräume mit duffen Glastüren, die Sauna, eine Bar, und immer mehr Räume, massives Holz und nicht zuviel Glas und Plastik.

Im Garten stand ein Kinderhäuschen. „Da ist sie drin, meine Enkelin“, sagte Professor Hackethal und klopfte gegen die Scheibe. „Ich habe für uns beide bei einem prominenten amerikanischenAstrologen Horoskope bestellt. Ich glaube ein bißchen daran. Ich bin Skorpion.“

„Und Sie glauben an Gott“, sagte ich. „Ja, ich bete auch.“ – „Sie verlangen aber wissenschaftliche Beweise für seine Existenz.“ – „Das habe ich auch gesagt. Da müssen endlich Leute mit Köpfchen drangesetzt werden und aufpassen, wie oft sich Dinge gegen Naturgesetze entwickeln und wie oft Wunder geschehen. Dem Phänomen Wunder muß wissenschaftlich nachgegangen werden. Ich glaube an Gott. Ich muß an ihn glauben.“

Professor Hackethal reckte sich und spazierte los. Er blickte aber gleich auf seine schwarzen Schuhe und das feuchte Gras und trat vorsichtiger zu. Er konnte seinen Kopf nicht ruhig halten und sagte: „Warum sagen Sie denn nichts?“ Ich sagte: „Ein Psychiater würde sagen, daß Sie unter einem Bekenntniszwang, einem Glaubens-

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zwang und einem Verkündigungszwang leiden. Ich sage das nur mal so dahin ...“

„Wenn Sie es so sagen... So ähnlich würde das auch ein Facharzt für Seelesagen. Das ist auch so eine Sorte für sich. Aber ich entziehe mich doch zahlreichen Zwängen. Ich kämpfe sogar dagegen.“ Er drehte seine Hände hin und her, klappte sie zu und ließ sie fallen. Dann schloß er die rechte aber langsam wieder. Ich sagte: „Herr Professor Hackethal...“ – „Warum nennen Sie mich denn nicht mehr Julius?“ Ich sagte: „Julius Hackethal, ich sage es jetzt so dahin wie das mit den Zwängen: Vom Einzelgänger wird man meistens zum Eigenbrötler, und das geht ja so schnell...“

„So gesagt, ja. Ich könnte auch mal resignieren. 1976 war es soweit. Ich hatte mir den Baum schon ausgesucht, gegen den ich rasen wollte. Ich bin ja hoch versichert. Und sollte eine Entwicklung eintreten, die mich überflüssig macht, wenn man zum Beispiel sagt: ‚Der Hackethal hat es ja gut gemeint‘, dann werde ich noch schnell dafür sorgen, daß Euthanasie-Kliniken eingerichtet werden, notfalls auch mit meinem Geld, und dann mache ich Schluß. Tod ist ein ewiger Schlaf. Und meine Kinder zeugte ich aus egoistischen Gründen, in ihnen will ich weiterleben. Vier Kinder sollte man haben, aber es wurden ja nur drei.“

„Sie sprechen vom Tod, aber nicht vom Sterben. Das beginnt doch umgekehrt.“ – „Ja, ich habe Angst vor dem Todeskampf.“ Julius Hackethal ging wieder vier Schritte vor und zurück und zog mich am Arm. „Aber selbst bei einer todbringenden Krankheit würde ich nicht zum Arzt gehen. Vielleicht in fünf Jahren, wenn sich das gesamte Arzt- und Gesundheitswesen verändert hat. Ginge ich vorher todkrank zum Arzt, er würde womöglich Rache nehmen ... Wollen Sie schon gehen? Wir haben doch gerade wieder sieben Schritte gemacht, das ist wie zuletzt gegenüber dem Isebek-Kanal.“

Julius Hackethal achtete nicht mehr auf seine Schuhe. Er ging voraus. Und dann stellten wir uns an den Elbhang. „Da hinten ist die Ostzone“, sagte er. „Ja“, sagte ich, „und da hinter Lauenburg in einem Wald in entgegengesetzter Richtung flogen nach einem Bombenangriff Flakhelfer durch die Luft.“– „Jetzt sind wir wieder bei unserem Jahrgang“, sagte Julius Hackethal, „womit muß man sich noch immer abschleppen. Aber noch habe ich Kraft, und ich bin ja auch noch kerngesund. Und nach Österreich gehe ich nicht. Ich finde auch im Norden eine Klinik in optimaler Lage. So einen Blick wie von hier müßte man dort haben, und die Leute in den Campingwagen gegenüber am Ufer wären meine liebsten Patienten. Abschreibungskliniken, die bald pleite sind, gibt es ja genug.“

„Sie. haben ja Geld“, sagte ich. „Und ich habe auch Geldgeber, die für mich eine kaufen. Und ich werde es dann dazu bringen, nur noch kostenlos zu behandeln. Zuerst zahlt man mir wohl ein Gehalt, aber dann... Da brauche ich ja auch kaum noch Medikamente. Und wenn mein neues Buch erschienen ist, erstatte ich gleichzeitig gegen einer der Hauptverantwortlichen für die Einführung der gesetzlichen Krebsvoruntersuchung Anzeige wegen vielfacher Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“

Julius Hackethal ging wieder voraus und zeigte auf den Grenzverlauf zur DDR. Ich zog ihn dann am Arm und sagte: „Der Krebsforscher Manfred von Ardenne aus Dresden ist bestimmt ein Gesprächspartner für Sie.“

„Das dachte ich ja auch und rief ihn an. Wir trafen uns dann in Frankfurt. Seine Apparate wollte er da verkaufen, mehr nicht. Und er schrieb nur immer. Ein Heilpraktiker wurde sein Kunde. Was die da drüben uns so rüberschicken. Das ZK der SED erlaubt ihm bald, Versuche an Menschen vorzunehmen. Die Tierversuche müßten ja überall verboten werden. Das ist zu grausam. Aber jetzt muß ich zu meiner Mutter. Sie hat schon zweimal angerufen. Ich bin immer glücklich, wenn ich sie sehe, und das hilft ihr ja auch. Sie braucht Liebe und Wärme. Ich fliege nach Jamaika, und sie ist bald in Spanien und hat auch Sonne.“ Es regnete wieder. Julius Hackethal lieh mir einen Schirm.

Am nächsten Morgen rief er an und sagte: „Hier ist eine Frau, der hat man das rechte Bein amputiert. Und die eine Brust ist schon weg. Aber wozu haben sie das Bein abgesägt? Der histologische Befund war negativ. Gleich kommt die Bild-Zeitung.“

Darüber las ich aber nichts. Da stand nur daß seine Mutter Lungenkrebs hat und warme Brustwickel bekommt und Kamillendämpfe einatmet, und er immer Mutti zu ihr sagt.