Von Teddy Preuss

Seit seiner Machtübernahme im Jahre 1970 hat Ägyptens Präsident Anwar el Sadat kaum einen Tag vergehen lassen, ohne seinen Landsleuten einzuhämmern, die Zukunft Ägyptens liege in der wirtschaftlichen Entwicklung des armen, übervölkerten Nil-Staates. Selbst am dritten Tag des Yom-Kippur-Krieges, als die Ägypter auf dem Höhepunkt ihrer militärischen Erfolge standen, vergaß ihr Staatschef nicht, seinen Zauberspruch aufzusagen. Seinen Landsleuten, die mit einem Jahreseinkommen von 260 Dollar pro Kopf und Jahr zu den Ärmsten der Welt zählen, rechnete der Präsident erst kürzlich wieder vor, daß ihr Eintreten für die Interessen der Palästinenser sie bis heute rund achtzig Milliarden Mark gekostet habe.

Nach dem Rahmenabkommen von Camp David glauben nun viele, daß ein neues Kapitel der israelisch-ägyptischen Beziehungen beginnen kann und daß wirtschaftliche Kooperation wahrscheinlicher sei als ein fünfter ägyptisch-israelischer Krieg. Die Erwartungen, die in eine wirtschaftliche Zusammenarbeit der bisherigen Feinde gesetzt werden, sind allerdings manchmal etwas zu hoch gespannt. Die Erklärung des ägyptischen Ministers für wirtschaftliche Entwicklung, Abdul Rasek Abdul Mejid, der in der vorigen Woche seinen Landsleuten vorschwärmte, daß sich bald jeder Ägypter einen Farbfernsehapparat, ein Telephon und eine zweite Frau leisten könne, ist meilenweit von allen Realitäten entfernt.

Seit dem Sechs-Tage-Krieg im Jahre 1967 verschwenden Israel und Ägypten jeweils 30 bis 35 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für die Verteidigung. Allein für den Einkauf von Waffen mußte jeder der beiden Staaten seither 32 bis 36 Milliarden Mark ausgeben. In diesem Jahr wendet Israel etwa sieben Milliarden Mark zur Erhaltung seiner Sicherheit auf. Die Rüstungsausgaben Ägyptens sind etwas geringer. Wenn es jetzt tatsächlich zu einem Friedensvertrag kommt, werden diese Ausgaben zunächst noch wachsen, weil Israel eine neue Verteidigungslinie aufbauen und dafür auch zwei neue Flugplätze einrichten muß. Die Investitionen, die dafür notwendig sind, werden zwischen drei und fünf Milliarden Mark verschlingen. Das Vorrücken der ägyptischen Truppen wird ebenfalls neue militärische Installationen erfordern.

Eine echte Drosselung der Rüstungsausgaben ist erst nach zwei bis drei Jahren zu erwarten. Die Kürzungen in den Verteidigungsetats werden aber auch dann bescheiden sein; denn selbst wenn sich Israel und Ägypten nicht mehr drohend gegenüberstehen, herrscht noch lange kein Frieden. Ägypten muß weiter mit der Feindschaft Libyens und mit einem kommunistischen Einbruch in das Horn von Afrika rechnen. Die Bedrohung für Israel ist noch größer wegen der syrischen Drohung aus dem Norden. Trotz der Feindschaft zwischen Damaskus und Bagdad würde der Irak überdies die Syrer in einem neuen Waffengang mit großer Wahrscheinlichkeit unterstützen. Auch Jordanien kann bisher aus dem Kreis der möglichen Feinde Israels noch nicht ausgeschlossen werden.

Mehr als eine Stagnation der Verteidigungslasten erhoffen auch Wirtschaftler und Militärexperten in Tel Aviv daher nicht. Aber auch das wäre schon ein gewaltiger Fortschritt, da die Rüstungsausgaben in den letzten zehn Jahren jährlich um zwanzig Prozent zunahmen. Dem Nil-Land ging es in dieser Hinsicht nicht besser. Ähnlich sind die Aussichten einer wirtschaftlichen Kooperation zwischen den ehemaligen Feinden.

In einem Interview mit der ZEIT im Januar 1978 hatte der israelische Finanzminister Simcha Ehrlich mitgeteilt, daß mehrere Kommissionen und Ausschüsse bereits praktische Möglichkeiten und Aussichten eines israelisch-ägyptischen Friedens überprüfen. Sie kamen jetzt zu dem Ergebnis, daß kurzfristig die Chance für einen umfangreichen Warenaustausch nicht besonders groß sei. Ägypten erwirtschaftet mit vierzig Millionen Einwohnern ein Sozialprodukt, das nur wenig größer ist als die gesamtwirtschaftliche Leistung der 3,7 Millionen Israelis – nämlich zwölf bis dreizehn Milliarden Dollar gegenüber elf bis zwölf Milliarden in Israel. Dieses Gefälle von zehn zu eins in der Leistung je Kopf der Bevölkerung deutet auf die total verschiedenen Strukturen der beiden Volkswirtschaften und Gesellschaften hin. Diese Differenz macht deutlich, daß Träume von einer ägyptisch-israelischen Wirtschaftsgemeinschaft nur eine Utopie sind. Diamanten, spezialisierte elektronische Erzeugnisse und Wintererdbeeren sind nicht gerade die Produkte, die der durchschnittliche Ägypter kaufen kann oder will. Umgekehrt kann Israel mit ägyptischer Baumwolle und Textilien vom Nil wenig anfangen.